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Schwingenschlag – Flügelschlag 2.0, oder doch nur ein Retheme?

von Johannes
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Über das Spiel

Vorwort

Flügelschlag, das Kennerspiel des Jahres 2019, ist eines dieser Spiele, die zwar in der Szene sehr beliebt sind, welches im Ministerium jedoch nie so richtig gut ankamen. Mich selbst störte stets ein wenig der Glücksfaktor und meine Frau kann mit dem Vogelthema einfach nichts anfangen. Aus diesem Grund nimmt es bei uns seit Jahren auch eigentlich nur noch Schrankplatz weg und auch die Erweiterungen habe ich nie gespielt. Als Schwingenschlag angekündigt wurde, wurde ich dennoch hellhörig. Mit dem veränderten Thema sollten auch mechanische Updates einhergehen und meine Frau mag Drachen, was die Wahrscheinlichkeit erhöhen sollte, es auf den Tisch zu bekommen. Doch ist Schwingenschlag wirklich eigenständiges Spiel, oder doch irgendwie nur ein Retheme?

Thema und Material

Dass es bei Schwingenschlag um Drachen und nicht mehr länger um Vögel geht, das brauche ich niemandem mehr erzählen. Laut Wikipedia ist ein Drache ein „schlangenartiges Mischwesen der Mythologie, in dem sich Eigenschaften von Reptilien, Vögeln und Raubtieren in unterschiedlichen Variationen verbinden“. Ferner ist er „als Fabelwesen aus Mythen, Sagen, Legenden und Märchen vieler Kulturen bekannt“. Mit der Abkehr vom Vogel verlässt Schwingenschlag also den erzwungenen Rahmen, den ein Naturthema hat, kann aber trotzdem auf einen breiten Fundus von kulturellen Darstellungen zugreifen. Dieses schlägt sich sogleich in den Illustrationen wieder, in denen asiatische und westliche Drachenabbildungen genauso beliebig vorkommen, wie eher niedlich anmutende Zeichnungen und eher furchterregenden Darstellungen. Alle Drachenarten erhalten dabei Namen, bestimmte Eigenschaften, die auch spielerisch bedeutsam sind und einen eigenen Eintrag im 32 Seiten starken Begleitheft („Foliant“). Dieses Schmuckstück, welches aus meiner Sicht überflüssiges Beiwerk ist, gibt zu allen Drachen noch etwas Hintergrundgeschichte. Im Regelheft ist zudem zu lesen, dass die Spieler*innen des Spiels angehende Drachenprofis (Zähmer?) seien, die Drachen auf dem eigenen Land ansiedeln möchten. Damit sind der thematische Rahmen und die spielerisch thematische Rückkoppelung des Spiels dann aber auch erschöpft. Die „Drachenprofis“ müssen noch in Drachengilden organisiert sein, das kann ich aber auch nur aus dem Spielmaterial schließen. Zudem erhalten Jungdrachen wohl von ihren Eltern Milchfläschchen, denn das ist die Darstellung, die für die Ressource Milch gewählt worden ist. Ja, das Spiel macht es mir trotz Heft doch schwer mich thematisch wirklich einzulassen. Ist dies die Rache an all denjenigen, die das Vogelthema nicht ausreichend schätzten? Ich muss zugeben, dass mir der Rest des Materials aber sehr gut gefällt. Als Münzen werden silbrig-glänzende Drachenschuppen (warum heißen die nicht so?) mitgeliefert, die wirklich großartig aussehen. Gleiches gilt für die 55 Eier in sechs verschiedenen Farben. Die Darstellungen auf den runden Papp-Ressourcen-Plättchen – außer der Milch – sind zweckmäßig und auch die Boards sehen insgesamt gut aus. Mitgeliefert werden zudem zwei kleine Plastikschachteln, die die Eier und die Ressourcen aufnehmen, was ein Inlay weitestgehend überflüssig machen sollte.

So weit, so gut, aber bekanntlich kommt es mir primär auf die inneren Werte (die Mechanik) an.

Spielmechanik

Schwingenschlag ist im Kern ein Engine-Builder, der in vier Runden gespielt wird. Bin ich am Zug, dann habe ich neben der Aktion „Passen“ (womit die Runde für mich zu Ende ist) drei Aktionen:

  1. Ausgraben: Ich darf meinem Tableau eine Höhle hinzufügen, auf der ich Drachen ansiedeln kann
  2. Anlocken: Drachen werden auf Höhlen angesiedelt
  3. Erforschen: ich mache einen Rundgang durch eine meiner drei Höhlen, was mir Ressourcen, Karten, Eier und andere Boni gibt, sofern ich sie mit Höhlen/Drachenkombinationen freigeschaltet habe (entspricht „Aktivierung“ bei Flügelschlag)

Jede der Aktionen wird mit einer Münze bezahlt, von denen ich zu Beginn jeder Runde sechs Stück bekomme (und auch aufbewahren darf). Es gibt auch Möglichkeiten im Spiel weitere Münzen zu bekommen, die mir dann de facto weitere Züge ermöglichen, die Runden sind also nicht für alle Mitspieler*innen gleich lang. Durch möglichst effizientes Ausspielen meiner Höhlen- und Drachenkarten und die Streifzüge durch die Höhlen kann ich mein Tableau dabei so optimieren, dass ich am Ende die meisten Siegpunkte erlange. Diese gibt es sowohl bei den variablen Zwischenwertungen („öffentliche Ziele“), als auch durch die angesiedelten Drachen, Eier, Ressourcen und nicht zuletzt auch die bereits erwähnten Drachengilden. Das Drachengildentableau ist nämlich ein Rundlauf, der die Spieler*innen fortlaufend mit Boni versorgt. An zwei Stellen auf dem Rundlauf können eigene Marker ausgelegt werden, die dann entweder sofort starke Aktionen, wie das kostenfreie Auslegen von Drachen oder Höhlen, oder den Gewinn von Münzen, ermöglichen, oder am Ende Siegpunkte bringen. Mittlerweile sind schon mehrere vollständige Regelvideos erschienen. Eines findet ihr beispielsweise bei der Brettspielbox.

Retheme oder eigenständiger Titel?

Zur Vorbereitung der Rezension habe ich noch mehrere Runden Flügelschlag bei BGA gespielt, um die Unterschiede zwischen den Titeln zu erfassen. Für mich wirkt Schwingenschlag jetzt trotz des verspielteren Themas insgesamt wie ein gut gereiftes, erwachseneres Flügelschlag und macht dabei genügend Dinge neu, um als eigenständiger Titel durchzugehen (anders als beispielsweise Farshore zu Everdell). Dies mache ich an folgenden Punkten fest:

  1. Die neu eingeführten Höhlen sind eine weitere taktische Ebene in dem Spiel. Ich muss nicht nur darauf achten, welches bevorzugte Habitat ein Vogel beziehungsweise ein Drache hat, sondern auch auf den vorherigen Ausbau der Höhle. Die Art der Höhle ist dabei zwar keine Vorbedingung, ermöglicht aber durch Legeeffekte weitere taktische Variabilität.
  2. Dadurch, dass die Ressourcen nicht mehr in einen gemeinsamen Vorrat gewürfelt werden, habe ich als Spieler*in eine höhere Kontrolle über diese. Das Spiel ist besser planbar – sofern ich die richtigen Drachen ziehe.
  3. Der Gildenrundlauf ist eine tolle Ergänzung zum Spiel. Wir hatten eine Runde, bei der eine Mitspielerin konsequent auf die Zwischenwertungen gespielt hat, wie es bei Flügelschlag oft sinnvoll war. Ich habe mich hingegen auf den Rundlauf konzentriert und am Ende trotz dessen gewonnen, dass ich bei den Zwischenwertungen nicht viele Punkte geholt habe.
  4. Individuelle Endsiegpunkte sind nicht mehr auf geheimen Bonuskarten vorhanden, sondern befinden sich direkt auf den Drachen. Es gibt dadurch weniger Überraschungen am Spielende.
  5. Das mühselige Beobachten der Mitspieler*innen entfällt, da es keine „Zwischen den Zügen“-Boni mehr gibt. An deren Stelle treten hingegen Rundenendeboni, die sich besser planen lassen.
  6. Mein eigentliches Highlight ist aber die variable individuelle Rundenlänge durch den Einsatz von Münzen. Auch hier entsteht eine weitere taktische Tiefe, die ich sonst – zugegebenermaßen als Flügelschlag-Wenigspieler – in diesem System noch nicht kennengelernt habe.

Schwingenschlag bietet im Vergleich zu Flügelschlag insgesamt also eine höhere taktische Tiefe und ein geringeres Zufallselement, ist zugegebenermaßen aber auch etwas schwerer. Die Designänderungen sind für mich allesamt positiv und führen hoffentlich dazu, dass Schwingenschlag nicht so viel Staub bei uns im Regal ansetzen wird, wie es Flügelschlag getan hat.

Abschließende Bewertung des Ministeriums

„Die etwas niedlichere Optik von Schwingenschlag sollte nicht zu der Annahme verleiten, dass es ein leichteres Flügelschlag sei. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Mit der Größe der Tiere ist auch der spielerische Anspruch des Spiels gestiegen. Die mechanischen Entscheidungen wirken dabei – anders als der thematische Aufbau – sehr rund, sodass mir Schwingenschlag insgesamt sehr gut gefällt. Schwingenschlag ist somit für mich ganz klar Flügelschlag 2.0.“
Johannes
Brettspielminister

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