Übersicht
Erst wollte ich ein besonders dickes Paket schnüren, habe dann aber doch lieber die Fallakte aufgeteilt. In dieser Fallakte präsentiere ich drei Krimispiele, die alle von der Integration digitaler Elemente leben:
Impressionen
ECHOES: DIE ROSE (RAVENSBURGER)
- Erschienen bei Ravensburger
- Autoren: Dave Neale, Matthew Dunstan
- Illustrator: Samuel Bourguigon
Wer echoes kauft, weiß, was er*sie zu erwarten hat. Die Marke, in der Audiostücke miteinander verbunden, Szenen zugeordnet und in die richtige Reihenfolge gebracht werden müssen, ist längst etabliert.
Dennoch gibt es auch in dieser Reihe stärkere und schwächere Teile. Teil 12, Die Rose, wandelt thematisch auf bereits gut ausgetretenen Pfaden. Im Paris der 1920er-Jahre erhält eine junge Frau von einem mysteriösen Bewunderer Liebesbriefe. Aber nicht alles ist lieblich, und so kommt schnell noch ein Verbrechen hinzu.
Der Plot war für uns entsprechend schnell nachgezeichnet, mit den Zuweisungen dauerte es jedoch etwas. Die Distanz zwischen Audio und visuellem Erlebnis sowie die kurzen Hinweise, die herangezogen werden können, um alles zu verbinden, lagen für uns nicht so sehr auf dem Tisch wie manches Mal sonst. Witz oder Lokalkolorit, wie beispielsweise beim Tatort-Fall, fehlten, um das Spiel wirklich herauszugeben. Produktion und Ausgestaltung bewegen sich auf gewohnt hohem Niveau.
Unter dem Strich ordnet sich Die Rose im soliden Mittelfeld der Reihe ein.
ENTGLEISTE WAHRHEITEN (SUSPECTO)
- Erschienen bei Suspecto
- Autor*innen: nicht angegeben
- Illustrator*innen: nicht angegeben
Suspecto ist eine neue Krimi-Marke, die laut Eigenwerbung „spielbare Fälle mit physischer Fallakte, digitalen Spuren, MissionHub und einer wiedererkennbaren Krimiwelt“ liefern möchte. Der erste Fall Entgleiste Wahrheiten protzt genauso mit Superlativen wie die Werbesprache auf der Website: vier bis sechs Stunden Spielzeit sowie Expert*innenniveau. Wir waren gespannt, aber auch ein wenig eingeschüchtert.
Immerhin erlaubt die Ermittlungszentrale der Argus Eyes, also die Website, auf der der Fall gespielt wird, eine weitere Anpassung des Schwierigkeitsgrades und bietet ein umfangreiches Hilfesystem. Mit einem Code können sich alle Teilnehmenden einloggen und auf alle digitalen Materialien zugreifen. Es gibt keine festen Rollen und potenziell eine unbegrenzte Anzahl an Mitspielenden. Dadurch, dass alle zum Fall gehörenden Websites bei Besuch mitgeloggt werden, habe ich das Gefühl, wirklich in einer Zentrale zu sein. Aufmachung und Funktionalität fand ich sehr überzeugend und alle Websites, die Texte explizit ausgenommen, sehr authentisch gestaltet.
Die mitgelieferte Fallakte ist hingegen Durchschnitt für dieses Genre und hebt sich nicht ab.
Etwas fiel mir aber direkt negativ ins Auge: Bei der Erstellung des Falls wurde mit KI gearbeitet, ohne, dass dies deklariert wurde. Man sieht, hört und liest es aber. Grafiken, Videos und selbst Texte tragen unverkennbar die Handschrift generativer KI. Ich brauche kein Detektiv zu sein, um das herauszubekommen.
Das ist schade, denn es entwertet das Spiel und hemmt zugleich die Immersion. Nicht, weil ich generell ein Feind von KI wäre, sondern weil es so stark erkennbar ist. Insgesamt ist das Spiel ohnehin etwas überfrachtet. Der Fall wäre auch mit der Hälfte der Länge und des Onlinematerials ordentlich ausgestattet gewesen. Denn noch etwas ist mir aufgefallen:
Während wir im ersten Abschnitt primär das analoge Material sichteten, hingen wir in der zweiten Hälfte vor dem PC fest. Diesen mussten wir auch wählen, weil wir im Urlaub den Fall zunächst abbrechen mussten. Auf unseren Handys wurde der Besuch einer Website nicht richtig registriert, was dazu führte, dass uns das Hilfesystem, das wir zu diesem Zeitpunkt benötigten, keine weiteren Informationen gab. Immerhin ging es auch nach einigen Tagen nahtlos weiter, als wir den gleichen Code am PC eingaben. Dieses Verhalten konnten auch Freunde beobachten, die den Fall ebenfalls gespielt haben. Der Verlag hat mir mitgeteilt, dass der Fehler mittlerweile behoben wurde
Im Finale müssen schließlich einige Fragen zu den Absichten der einzelnen Gruppierungen beantwortet werden. Auch hier fühlte sich das Detaillevel zu hoch und nach typischen KI-Formulierungen an. Ein Beispiel, ohne zu viel spoilern zu wollen. Zur Auswahl standen als Motive Rache, Profitgier, Eifersucht, Verzweiflung, Radikalisierung und Machtstreben.
Schade, denn insgesamt fand ich die Story, bei der es um einen entgleisten Zug, Machenschaften von Energiekonzernen, Politik und Umweltgruppen ging, spannend. Wirklich ausgereift ist Suspecto, mit Ausnahme der Websites, aber bisher nicht. Neue Fälle sind bereits angekündigt und ich hoffe, dass mit der Anschubfinanzierung mehr Geld für menschlichen Einfluss im Geschehen, ein ausgeglicheneres Spielgefühl und intensives Bugfixing ist.
Der Tod in der Wandermenagerie (MORTY’S MYSTERIES)
- Erschienen bei Morty’s Mysteries
- Autorin: Britta Werksnis
- Illustratorin: Britta Werksnis
Schon vor einiger Zeit hatten wir ein Krimidinner aus der Reihe Mortys Mysteries gespielt, das zwar liebevoll gemacht war, sich selbst aber durch Aufmachung und Technik als Krimidinner ein wenig im Weg stand (meine Rezension).
Der Tod aus der Wandermenagerie ist zumindest kein Krimidinner, und so verfliegt ein wenig meiner Kritik vom letzten Mal schon im Vorhinein. Was vor uns liegt, wird als Krimispiel in einem Hybrid-Setting beschrieben. Wer jetzt aber an eine Fallmappe denkt, liegt falsch. Die Beschreibung als „digitales Point-and-Click-Adventure mit Begleitmaterialien“ wäre passender, denn ohne PC geht bei diesem Spiel nichts. Hierzu muss extra eine Software heruntergeladen und installiert werden. Anschließend befinden wir uns in einem düsteren viktorianischen Setting in Schottland im 19. Jahrhundert.
Wie schon beim anderen Teil sind die von der Autorin gezeichneten Figuren bestechend. Leider gibt der Rest des Spiels jedoch nicht viel mehr her. Mehr als einmal wussten wir nicht genau, was wir als Nächstes wirklich sollten, und das Hilfesystem war auch nicht wirklich, nun ja, hilfreich. Rätsel erschienen uns auch nach Lösung unlogisch, einiges wirklich zufällig, vieles wiederholend. Erschwerend kamen Softwareprobleme hinzu. Wirklich störend war zudem die KI-generierte Sprachausgabe, die mal ging und mal nicht und manche Dinge schlichtweg falsch aussprach, wenn sie in Großbuchstaben geschrieben worden waren.
Ich verstehe die Bestrebung des Verlages, etwas anders zu machen als andere, glaube aber, dass diese Art von Spiel kein tragfähiges Konzept ist. Es benötigt mehr Qualitätskontrolle, bessere Programmierung oder – und das wäre mein Wunsch – eine Abkehr von den (ohnehin nicht richtig funktionierenden) digitalen Komponenten. Mit den gezeichneten Figuren und der Grundstimmung wäre genügend Alleinstellungsmerkmal vorhanden.
Transparenzhinweis
Für diese Rezension standen mir, mit Ausnahme des echoes-Falls, kostenfreie Rezensionsexemplare zur Verfügung, die mir ohne Auflagen von den Verlagen übermittelt wurden.