Heilige Hallen
Nach der Pilgerreise haben die meisten Gläubigen wunde Füße, sind aber beseelt von der Erfahrung (vgl. Daniel Bernsen über diese Analogie). Das Gefühl wurde mir von den meisten, die ich in den vergangenen Tagen in den heiligen Hallen getroffen habe, bestätigt.
Zu den wunden Füßen trug wohl auch der enorme Umfang der Messe bei. Die Superlative wurden bereits im Bericht zur Pressekonferenz genannt. Hier geht es nur um Neuigkeiten seitdem, um ein paar persönliche Eindrücke und Einschätzungen.
Größer: Halle 8
Die beiden offensichtlichsten Neuerungen waren Halle 8 – verbunden mit der neuen Wartemöglichkeit in Halle 1A und die Öffnung des Nordeingangs. Durch den leicht trichterförmigen Aufbau der teilweise dreieckigen Stände in der neuen Haupteingangshalle entstand bei mir das Gefühl, dass beim Betreten wirklich die große Welt der Spiele zu meinen Füßen liegt. Auch einen Merch-Stand direkt ins Sichtfeld zu rücken, halte ich für einen gelungenen Schachzug. Es war sofort klar, was mich hier erwartet: der absolute Spielewahnsinn. Weniger hübsch war die Wartehalle unter der Erde. Etwas mehr Plakatierung hätte das Raumgefühl sicherlich verbessert. Wollte ich schnell ein paar Hallen überspringen, bot sich der Nordeingang an. Der Gang am Grugapark ist nicht nur landschaftlich schön, sondern auch praktisch, um frische Luft zu schnappen. Leider mussten die Besucher*innen hier jedoch im Herbstregen stehen.
Wie Carol Rapp im Messe-Abschlussinterview für das Brettspiel-Kollektiv verriet (das Video erscheint in den nächsten Tagen), sorgte die Öffnung des Eingangs dafür, dass sich die Hallen deutlich schneller füllten und die Wartezeiten beträchtlich sanken.
Schlangen bildeten sich indes an einigen Ständen. Rekordhalter dürfte morgens stets Queen Alice von Combo Games gewesen sein. Jan von der Brettspielerunde verriet mir, dass er sagenhafte 1,5 Stunden angestanden hatte.
Im zitierten Interview erzählte Rapp zudem von einem Novum. Erstmals erhielt ein Stand ein Verkaufsverbot für den laufenden Tag, weil die Verantwortlichen Schlangenbeschränkungen auch nach mehrfacher Ermahnung nicht einhielten.
Bis dahin dürfte dieser jedoch große Umsätze erzielt haben. In Gesprächen mit mehreren Verlagsvertreter*innen wurde klar, dass die Verkäufe des bereits hervorragenden Vorjahres noch einmal deutlich übertroffen wurden. Es wurden Steigerungen von 30 % genannt.
Kleiner und günstiger: Spiele
Dies ist beachtlich, zumal ich bereits in meiner Trendanalyse zeigen konnte, dass kleine, günstigere Spiele weiter auf dem Vormarsch sind. Das Spiel erreicht neue Zielgruppen sowie den Massenmarkt, und die Verlage reagieren. Ein Beispiel ist Ravensburger, seit jeher in diesem Metier mit seinen Klassikern breit vertreten. Für die Spiel verschenkte der Verlag pro Tag jeweils 500 Exemplare des neuen Titels Rolliverse der Erfolgsautoren Lukas Zach und Michael Palm – eine Kniffelvariante, die in gleich sechs verschiedenen, mischbaren Lizenzthemen erscheint. Anleitung und Material sind siebensprachig. Das offizielle Release ist für Februar 2027 geplant.
Auf die Frage, welches das beste Spiel des Duos in diesem Jahr sei, meinte Zach, dass Rolliverse in jedem Fall am besten den Massenmarkt erreichen könne. Auch die anderen Branchengrößen hatten Spiele dieser Art nicht nur als Nebenprodukt im Angebot, sondern jeweils prominent platziert.
Die Denkriesen, die künftig noch stärker als Vertriebspartner für andere Verlage und aufgrund ihrer Finanzkraft auch als attraktiver Verlag für Autor*innen auftreten werden, machen es vor. Hier liegt die finanzielle Zukunft. Aber eben auch das Potenzial, weitere Menschen für das Hobby zu begeistern.
Auch in der Fairplay-Scoutaktion, deren Datenbasis allerdings auf wackeligen Beinen steht (siehe meine Analyse vom letzten Jahr), kamen insbesondere die kleinen Spiele gut weg. Klar, diese lassen sich auf der SPIEL schnell ausprobieren, sofern sie nicht ohnehin schon verfügbar waren. Ein weiteres Muster konnte ich erkennen. Schon länger habe ich mich gefragt, warum nicht auch Verlage die Scoutaktion für ihre Zwecke stärker nutzen. Ohne die Qualität der Titel in Abrede stellen zu wollen: Der Verlag Captain Games SRL liegt und lag schon in den letzten Jahren wegetechnisch günstig zum Fairplay-Stand und wieder taucht der mitgebrachte Titel auf den vorderen Plätzen auf.
Ebenfalls größer: Spiel des Jahres
Für Nachwuchs sorgt natürlich auch der Nachwuchs, also die jüngsten Spieler*innen. Asmodee hatte diese mit einem eigenen Presseevent im Blick. Gleichzeitig vergrößert sich die Spiel des Jahres-Jury weiter. Beim Spiel des Jahres-Abend, dem ich zum ersten Mal beiwohnen durfte, wurde die Aufnahme eines weiteren Mitglieds verkündet. Die Erzieherin Tanja Mrosek, die in Junkersdorf einen Brettspieltreff organisiert und für die Brettspielbox schreibt, wird die Jury fortan insbesondere mit ihrer Kinderspielexpertise ergänzen.
In Zukunft künstlich intelligenter?
(Künstliche) Intelligenz bewegt nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Brettspielindustrie. Und sie polarisiert. Erstmals sind mir viele Cover und Plakate aufgefallen, die eindeutig generiert waren. Reiner Knizia verteilte Untersetzer mit einem KI-Bild zum historischen Triple aus Kinder-, Kenner- und Spiel des Jahres. Auf der anderen Seite wiesen einzelne Verlage ihre Produkte als „human made“ oder „AI-free“ aus. Der Verlag Hopeful Games hatte entsprechende kleine Aufsteller drucken lassen und schon zur Neuheitenshow an Kolleg*innen verteilt. Diese Aufsteller fanden sich auch an den Ständen wieder. Es ist zu erwarten, dass das Thema weitere Wellen schlägt. Künftig könnte sich „AI-free“ auch zu einem Gütesiegel entwickeln. Die Diskussionen sind noch nicht abgeschlossen und werden uns auch bei der nächsten SPIEL begleiten.
Diese findet vom 21. bis 24. Oktober 2027 erneut in Essen statt. Dazu Carol Rapp in der offiziellen Pressemitteilung: „Aber um direkt die Gerüchte zu zerstreuen: Ein Umzug ist nicht geplant. Wir konzentrieren uns jetzt darauf, die SPIEL am Standort Essen in den kommenden Jahren weiterzuentwickeln.“
Ein*e neue*r Botschafter*in steht ebenfalls schon für die nächsten beiden Jahre fest. Dies wird jedoch erst zur Spielwarenmesse annonciert.