Vor-Spiel
Kapplex? Ist das nicht ein Brettspielmöbelhersteller? Ja, das stimmt. Kapplex fertigt Tische und Regale, hat Zubehör und Stühle im Angebot. Dem Firmeninhaber Alexander Kapp-Huß kam auf der Spiel Doch! die Idee, Neuheiten gemeinsam mit Verlagen zu präsentieren – und damit auch die eigenen Produkte zu zeigen. An diesem Wochenende fand das erste Event statt. Das Ziel: Auch kleinere Verlage bekommen die Chance, ihre Neuheiten noch vor der SPIEL 2026 Content Creator*innen vorzustellen. Und natürlich glänzen dabei die hauseigenen Tische.
Gleich elf Verlage fanden sich vor Ort ein. Der Tag teilte sich um die Mittagspause auf: Vormittags gab es Speed Pitches mit Kurzpräsentationen. Um Gedränge zu vermeiden, wurden die Content Creator*innen in Vierergruppen aufgeteilt. Jede Gruppe sprach mit fünf bis sechs Verlagen. Der Nachmittag gehörte dem Spielen.
Im Folgenden stelle ich meine Eindrücke vor. Wie immer bei Presseveranstaltungen gilt: Es handelt sich um Ersteindrücke und Informationen, die ich aus den Pitches mitgenommen habe. Es sind keine Rezensionen.
Bieberstein Spiele
Der Kleinverlag Biberstein Spiele aus Heidelberg dürfte vor allem dafür bekannt sein, die Spiele der Jahrhundert-Reihe von Looping Games auf den deutschen Markt zu bringen. Dieses Jahr geht es dort, in 1902 Méliès, um die Entstehung des ersten Science-Fiction-Films der Welt. Gespielt habe ich jedoch ILAN: Discovering Antarctic Life. Das Set-Collection-Spiel ist im Original 2022 bei Within Play erschienen und macht uns zu Antarktisforscher*innen. Am Zug darf ich Karten ausspielen, die innerhalb des antarktischen Ökosystems Wechselwirkungen mit bereits ausliegenden Karten auslösen. Beispielsweise kann ich Tiere der Mitspielenden fressen und dafür Punkte erhalten. Die erste Partie war durch hohe Interaktion geprägt, aber auch durch die Notwendigkeit, alle Karten genau durchzulesen, denn auf ihnen steht sehr viel Text. Der pädagogische Wert ist mindestens so groß wie der Spielspaß.
Board Game Circus
Fame & Fable, Reforest, Heimliche Herrschaft Duell und Stonesaga: Board Game Circus steht für mich in erster Linie für gelungen gestaltete Spiele. Dieser Eindruck trifft auch dieses Jahr wieder zu, denn alle gezeigten Titel sahen sehr hübsch aus. Einen guten Pitch zu allen vier Titeln erhaltet ihr bereits auf dem YouTube-Kanal des Brettspiel-Kollektivs.
Am meisten interessierte mich Stonesaga, ein kooperatives Kampagnenspiel. Wir konnten den Titel leider noch nicht antesten, aber ich erfuhr, dass der Survival-Aspekt irgendwo zwischen Paleo und Robinson Crusoe liegen dürfte. Das Überleben sowie das Entdecken einer mysteriösen Welt stehen im Vordergrund. Nach meinem Ausflug zu Vantage (siehe hier) lasse ich aber wohl lieber die Finger davon.
Elznir Games
Die Zeit, die Zeit. Den Stand von Elznir Games musste ich ebenso wie den von Skellig Games leider auslassen. Ich habe lediglich gesehen, dass das Zwei-Personen-Spiel Der Herr der Ringe: Die Entscheidung in der dritten(?) Neuauflage von Reiner Knizia sowie Mythologies aufgebaut waren.
Feuerland Spiele
Feuerland setzt dieses Jahr als große Neuheit auf Greenwood. Dass es in dem Eurogame wenig harmonisch zugeht, verdeutlicht schon die Schachtel, auf die „Is a Lie“ gepinselt wurde. Redakteurin Inga Keutmann beruhigte unsere Nerven: Es handelt sich nicht um Blut, sondern um Farbe. Trotzdem wollen wir als Spieler*innen die dort lebenden magischen Tiere aus der Obhut der Druiden befreien. Das Spannende an Greenwood ist die Aktionsauswahl, bei der sich die einzelnen Karten auf vielfältige Weise nutzen lassen. Dazu kommt ein Puzzle-Mechanismus. Ich freue mich schon darauf, das Spiel im Herbst auszuprobieren.
Ein wenig skeptischer bin ich noch bei Melochs Duell. Hier treten zwei Spieler*innen in einem Duell zwischen Scythe und Expeditions gegeneinander an, um möglichst schnell in der jeweils eigenen Spielmechanik Sterne zu sammeln. Die Fraktion aus Melochs Duell kann zudem auch als Erweiterung bei den Spielen verwendet werden. Ich mag beide Titel sehr. Doch um das Spiel zu spielen, müssen beide die Regeln beider Spiele beherrschen. Diese Regelhürde erscheint mir zu hoch. Zudem überzeugt mich die Idee universeller Fraktionen nicht. Inhalte aus Expeditions habe ich bislang jedenfalls nicht in Scythe integriert.
Frosted Games
Frosted Games hat für mich die Neuheiten perfekt passend zur BerlinCon aufgebaut. Auf dem Tisch lag Entropy. Auf einem Stapel sah ich noch Tír na nÓg, ein Spiel, bei dem ich in einem Kartenraster eine Saga erstelle. Das möchte ich demnächst bei Board Game Arena ausprobieren. Entropy hat mich vor ein paar Tagen erreicht, sodass ich mich hier nicht weiter aufhielt.
Haba
Auf der Website von HABA steht weiterhin „Erfinder für Kinder“. Zumindest im Brettspielbereich stimmt das aber längst nicht mehr. Das Gelb auf den Schachteln nahm bei den gezeigten Titeln rapide ab. Mit The Mix gibt es dieses Jahr sogar einen Expertentitel mit erwachsenem Thema: Wir mixen nicht nur Cocktails, sondern nutzen auch Mechaniken wie Engine-Building, Ressourcenmanagement und Worker-Placement. Das lief allerdings an einem anderen Tisch als dem, an den es mich mit meiner Gruppe verschlug.
Hier zeigte das Team zum einen Würfeldrachen. Das Spiel ist eine kooperative Auskopplung von Würfelkönig, bei der wir mit Würfelergebnissen Drachen mit aufsteigender Schwierigkeit besiegen. Ich habe den Titel bereits im Sommer intensiv mit meiner Tochter (9) gespielt. Nachdem wir alle Drachen bezwungen hatten, kam er allerdings nur noch selten auf den Tisch. Spielt sie mit ihren Freunden, holt sie eher Würfelkönig aus dem Schrank.
Danach ging es nach Hawaii zu Kilauea. In dem Rondell-Spiel, das ich eine Dreiviertel-Partie lang spielte, platzieren wir Statuen („Tiki“) zunächst auf dem eigenen Boot und anschließend auf der eigenen Insel oder rund um einen Vulkan. Ist ein Bereich leer, kommt es zu einer Wertung: Es punkten diejenigen, die ihre Figuren so aufgestellt haben, dass in den eigenen Sektoren möglichst viele derjenigen stehen, die passend rund um den Vulkan auftauchen, ohne dort die Mehrheit zu bilden. Das Prinzip ist trotz dieses langen Satzes eingängig, und das Spielgefühl lebt nach meiner Einschätzung vom Take-That-Moment.
PD Verlag
Mit der Nominierung von Galactic Cruise unter den ersten drei Plätzen beim Deutschen Spielepreis fliegt der PD Verlag weiter auf Erfolgskurs. Allerdings werden die gezeigten Titel Sweet Lands, Class of ‚89 und Excursions allesamt noch nicht zur SPIEL erscheinen: Im Süßigkeitenland hat der König abgedankt, und wir müssen eine Stadt aus Schokohasen und dergleichen aufbauen. Da nimmt man schon beim Hinsehen zu – auch wenn das Expertenspiel wahrscheinlich viel Hirnenergie verbraucht. So angedickt könnte es jedoch schwer werden, das schönste Foto im Jahrbuch ‚89 zu erzielen. Die 1980er-Jahre waren eben auch normativ eine andere Zeit. Dennoch klang der Pitch sehr vielversprechend.
Am spannendsten empfand ich Excursions. Dies ist keine Erweiterung für Galactic Cruise, wie zunächst alle annahmen, sondern ein eigenständiges Spiel im selben Universum. Die Story geht weiter: Statt Raumschiffe zu bauen, planen wir jetzt Reisen. Dazu spielen alle gleichzeitig, was die Personenanzahl auf satte sechs erhöht. Das ist aber alles noch Zukunftsmusik, denn Excursions erscheint erst zur SPIEL 2027.
Skellig Games
Strohmann Games
Strohmann-Chef Marcel Straub beweist weiterhin ein gutes Händchen bei der Spieleauswahl – und vermutlich auch Verhandlungsgeschick – für seinen Verlag.
Railway Boom ist eine Kollaboration zwischen Hisashi Hayashi und Simone Luciani mit Bietmechanismus, bei der wir Eisenbahntrassen bauen. Ich konnte den Titel im Frühjahr auf Englisch spielen und er gefiel mir damals schon ausgesprochen gut, obwohl Bietspiele mit direktem Konkurrenzkampf sonst gar nicht mein Fall sind.
Eternal Decks verursachte letztes Jahr auf der SPIEL lange Schlangen. Im kooperativen Spiel erfüllen wir sechs Level, ohne zu viel über unsere asymmetrischen Handkarten sprechen zu dürfen. Optisch und vermutlich auch spielerisch ist das ein Leckerbissen, der bereits viele Fans hat.
1. Kontakt ist ein Hidden-Movement-Spiel, das uns mit einem Scotland Yard-Vergleich gepitcht wurde. Eine Person spielt das Alien, die anderen müssen es fangen. Bereits letztes Jahr, als die Federation-Erweiterung beim Originalverlag erschien, entschied ich: Das Thema interessiert mich nicht allzu sehr. Offen gesagt hörte ich danach nur noch halbherzig zu. Wenn ihr die Mechanik mögt, lohnt sich aber bestimmt ein Blick.
Aufgebaut und ausgelegt waren ferner Tempel der Fünf, die Erweiterung zu Inferno 1348, Covenant sowie Behind – Lila. Nicht zur Messe schaffen werden es wohl leider Secret Identity, das grandiose Gibberers, Fantastische Reiche: Griechische Legenden, FlipToons und Wahrsager.
Ulisses / Ottavio
Der sehr erfolgreiche Rollenspielverlag Ulisses drängt mit seiner Marke Ottavio auch auf den Brettspielmarkt und platziert dort unter anderem Titel aus dem hauseigenen DSA-Universum. Kelche der Macht wurde uns als Boss Fighters QR ohne App vorgestellt. So ganz traue ich diesem Vergleich aber nicht. Obwohl sowohl Michael Palm als auch Lukas Zach mitgearbeitet haben, erscheint mir das System im Herzen sehr viel rollenspielartiger. Das liegt nicht nur an den Würfeln, die über Proben entscheiden. Das Kampagnenspiel bietet zehn Abenteuer und reichlich Nebenquests. Wer rollenspielnahe Titel mag und lange etwas von einem Spiel haben möchte, kommt hier sicherlich auf seine Kosten. Das alles verpackt in eine Kartenmechanik.
Transparenzhinweis
Ich wurde von Kapplex zu diesem Presseevent eingeladen. Kapplex stellte die Verpflegung. Für die Reisekosten bin ich selbst aufgekommen.