Unterwegs auf der BerlinCon 2026
„Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erleben“, sagt der Volksmund. Oft früher als gewünscht, denn manchmal ist schon die Anreise ein Abenteuer. Aus diesem Grund begannen die Reiseberichte meiner alten Hauspostille Fairplay auch stets mit einer länglichen Beschreibung der Autofahrt. Nun muss ich dich, liebe*r Leser*in, leider etwas enttäuschen: Aus dem heimatlichen Ludwigshafen gelang die Fahrt mit der Deutschen Bahn allen Unkenrufen zum Trotz völlig reibungslos. Keine Feuer, keine Notfalleinsätze – das blieb an diesem Tag alles den Kölner*innen vorbehalten. Und so ging es für mich am Freitag bei der Berlin Brettspiel Con 2026 direkt und entspannt zu den Presseevents.
Die Pressevents, die ich dank meiner Arbeit an diesem Blog besuchen darf, wurden in den letzten Jahren auf der BerlinCon massiv ausgebaut. Gab es im Vorjahr nur eine Handvoll Verlage, haben sich diesmal gleich fünf (mittel-)große Häuser den Luxus eines eigenen Raums gegönnt: Kosmos, Hasbro, Deep Print Games, Frosted Games und Ravensburger. In einem weiteren Saal konnten an jeweils einem Tisch die Neuheiten einer Reihe größerer und kleinerer Verlagen betrachtet und teilweise direkt angespielt werden.
Meine persönliche größte Enthüllung aber direkt vorweg: Ich habe gemeinsam mit Stephan Zerlick (Spielbox, Spielkulturerbe, ehemals Spiel Doch Mal!) und Alexandra Kemmerer (Brettspielhamster, Spielkulturerbe) ein neues YouTube-Projekt namens Brettspiel Kollektiv ins Leben gerufen, auf dem wir künftig Veranstaltungsberichte, Interviews und Hintergrundrecherchen veröffentlichen. Das bedeutete für den heutigen Tag natürlich auch, dass wir einen Teil der Zeit mit Filmen statt mit Spielen verbrachten.
Spielerisch los ging es für mich bei Deep Print Games. Dort lockte der Titel Rooms & Roomies an die Tische, dessen Arbeitstitel Der Möbelschwede ich noch um einiges witziger finde. Die Herbstneuheit besticht vor allem durch fabelhaftes Design und eine hohe Diversität bei den Abbildungen – die auf den Beschreibungstexten zu den „Roomies“, also den Mitbewohner*innen, allerdings nicht ganz durchgehalten wird. Worum geht es? Um Einrichtung und Wünsche. Wir laufen durch ein Möbelhaus, besorgen Einrichtungsgegenstände, verladen diese und müssen sie anschließend im Eigenheim so unterbringen, dass alle Bewohner*innen glücklich werden. Vom Spielgefühl her fühlte ich mich stark an Mein Traumhaus erinnert, und ich bin mir sicher, dass einige Einrichtungsfanatiker hier ihre Freude haben werden. Katja vom Playce, die auch einen eigenen Roomie hat, behauptet übrigens, dass Badewannen als Betten zählen. Wenn ihr mal im Playce seid, könnt ihr also luxuriös schlafen.
Später während der Game Night spielte ich vom selben Verlag noch Bloom Kingdom. Hübsches Artwork ist definitiv ein Markenzeichen von Deep Print Games, denn das Spiel macht trotz der kleinen Packung einiges her. Bei diesem Set-Collection- und Hand-Management-Spiel bekomme ich Karten, von denen ich einige in ein gemeinsames Königreich lege. Am Ende jeder Runde zählen die beiden übriggebliebenen Handkarten für die Wertung, die sich auf das ausgelegte Reich bezieht. Ich glaube, dass das Spiel nach einigen Partien sehr viel flüssiger läuft und dann in eine ähnliche Kerbe wie Fantastische Reiche schlägt.
Frosted Games hatte mit Abstand die meisten Spiele aller Aussteller aufgebaut. Es hätte sogar die Möglichkeit bestanden, die großen Herbstneuheiten Horologium – Die Orloj von Prag und Das Voynich-Mysterium auszuprobieren. Da ich diese jedoch schon in den englischen Versionen kannte, habe ich mich auf zwei kleinere Titel gestürzt: Space Lab ist nach Faraway das zweite gemeinsame Kartenspiel von Corentin Lebrat und Johannes Goupy. Auch wenn es für meinen Geschmack in den letzten zwei Jahren fast ein wenig zu viel Set Collection auf dem Markt gab, fand ich diesen Titel auf ganzer Linie überzeugend.
Nach dem Weltraumbesuch ging es weiter zu Wuselige Wiesen, einem Plättchenlegespiel, dessen Unique Selling Point definitiv die Wuseligkeit sein dürfte. In klassischer Manier lege ich Plättchen an und bevölkere sie mit kleinen Tieren, die ganz unterschiedliche Anforderungen an ihre Lebensräume stellen. Ich muss zugeben, dass ich hier schnell den Überblick verlor – was aber sicher der Erstpartie geschuldet war. Geordneter waren meine Gedanken dagegen bei Stibitzt!. Hier müssen Einbrüche geplant und durchgeführt werden, um Kartensets zu sammeln, die – die Ähnlichkeit ist frappierend – wie bei Bohnanza den nach Länge Punkte einbringen. Mir gefällt das deduktive Element: Bei jedem Einbruch muss ich erahnen, in welches Haus der reihum wechselnde Anführer gehen möchte, um etwas vom Raubzug abzubekommen.
Kosmos trumpfte mit Moustache als Neuheit auf. Das habe ich mir allerdings für den Samstag aufgehoben und stattdessen nur die Nase an der Vitrine mit dem neuen, kooperativen Michael Menzel-Spiel Batman – Gotham City Crimes platt gedrückt. Die anwesenden Mitarbeiter durften noch nichts dazu verraten, und so bleibt das Spiel vorerst ein Mysterium.
Ravensburger setzt derweil auf die Kooperation mit Hans im Glück sowie auf intensive Produktpflege. Zu den Jubiläen der beiden Klassiker wird Carcassonne Labyrinth erscheinen, was tatsächlich Carcassonne mit Das verrückte Labyrinth verbindet. Das sah spannend aus, aber auch dieses Spiel versuche ich am Samstag nachzuholen.
Im kleineren Presseraum blieb ich zunächst bei Feuerland hängen, wo neben Vantage und der neuen Erweiterung für Viticulture vor allem Greenwood meine Aufmerksamkeit fand. Auch dies ist eine Essener Neuheit, die ich noch nicht gespielt habe, sodass ich primär den Pressetext wiedergeben könnte. Mir gefällt die Idee der zu rettenden Wesen aber so gut, dass das Spiel hier zumindest Erwähnung finden sollte.
Bei Oink Games verpflichtete mich Jan von der Brettspielerunde prompt zum Mitspielen von Compress. Auf der Packung sind lediglich die Zahlen 1 und 0 abgebildet, und das deutet schon die Richtung an: ein cleveres Memory-Spiel im Binärsystem. Ich halte meinen Stapel mit Einsen und Nullen bereit, und reihum müssen alle die ausliegende Reihenfolge korrekt wiedergeben. Klingt einfach, wird aber umso schwieriger, je länger die Reihe wird. Immerhin helfen die eigenen Handkarten, etwas Ordnung ins System zu bringen.
Weiter ging es zu Karma Games, wo Verlagschef Juma sein neues Spiel Wildscape als Mischung aus Cascadia und Arche Nova anpries. Auch das steht noch ungespielt auf meiner Liste, aber ich freue mich schon auf die erste Partie. Den Pitch fand ich überzeugend – ich mag schließlich beide Titel – und das Material machte einen hochwertigen Eindruck.
Haba präsentierte neue Erweiterungen der Nature-Reihe, hatte aber auch das neue Stichspiel BigWig im Gepäck, das als echte BerlinCon-Neuheit durchgeht. Hier wechselt bei jedem Stich die Wertungslogik, die zudem durch verdeckt ausgelegte Karten manipuliert werden kann. Obwohl ich es nur zu zweit ausprobiert habe, glaube ich, dass dieses Konzept in großer Runde hervorragend funktionieren könnte.
Ebenfalls zu zweit konnte ich schließlich das erste Spiel des Verlages Never Enough Board Games ausprobieren. Das war allerdings Absicht, denn No Risk No Tower ist ein reines Zwei-Personen-Spiel. Mittels des „I cut, you choose“-Mechanismus werden hier Türme nach Black-Jack-Manier aufgebaut: Ich lege jeweils eine Karte mit Punkten verdeckt und eine offen in die Auslage, und mein Gegenüber muss wählen. Dazu kommen noch Sonderplättchen. Wer zuerst exakt 21 Punkte hat, gewinnt. Ich habe Stephan Zerlick in der Erstpartie komplett nassgemacht – mal gucken, ob das bei künftigen Mitspieler*innen auch so einfach wird.
Soweit die ersten Eindrücke vom Auftakt. Sprecht mich gerne an, wenn ihr auch auf der BerlinCon seid und wir uns über den Weg laufen!