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THE DARK QUARTER

Zwischen Brett-Spiel und App-Spiel

von Johannes

Über das Spiel

Zur Einstimmung

New Orleans, Anfang der 1980er. Als neuer Agent der Beaumont-Agency setze ich meine Füße in eine Stadt, die von Hexerei und Wahnsinn geprägt ist. Auf dem Cover der Schachtel erinnerte mich Winter Mullins frappierend an den „Dude“ aus THE BIG LEBOWSKI; ein optisches Versprechen, dem ich bereitwillig in dieses narrative Abenteuer folgte.

Das Spiel in der App

Ganz neu ist die Verbindung zwischen App und Erzähl-Brettspiel nicht; LUCKY DUCK GAMES (der ursprüngliche Verlag) setzte bereits bei DESTINIES auf dieses Pferd. Mangels Vorkenntnis ließ ich mich unvoreingenommen auf das System ein. THE DARK QUARTER verbindet App und Brettspiel dadurch, dass in der Mitte des Tisches ein Spielplan liegt. Tableau, Würfel und Karten ergänzen die Auslage. Aber eigentlich bräuchte ich diese Utensilien, mit Ausnahme der Karten, die mitunter gescannt werden, nicht wirklich. Das meiste spielt sich auf dem Tablet ab. 

Bin ich am Zug, bewege ich mich zu einem Ort. Dort folgt die Interaktion immer demselben Muster: Texte vorlesen, Würfel für Proben einsetzen, mehr vorlesen.

Erzählerischer Rundlauf um den Tisch

Zwischen den Zügen wandert das Tablet um den Tisch. Jeder darf mal vom virtuellen Joint probieren. Das manuelle Markieren entdeckter Orte auf dem Plan habe ich mangels Relevanz bald eingestellt – zum Unmut der Mitspielerinnen, aber zugunsten der Effizienz. Der haptische Aufwand steht in keinem Verhältnis zur Kurzlebigkeit der Ortsplättchen. Zur Atmosphäre trägt das Spielbrett ebenso wenig bei wie die schön gestalteten Miniaturen; der Blick klebt unweigerlich am Bildschirm.

Immerhin funktioniert die Technik reibungslos und sprachunabhängig. Ein Wechsel von der deutschen Verkaufsversion zur englischen Kickstarter-Fassung (beides ausgeliehen) gelang im laufenden Betrieb völlig barrierefrei. Praktisch, denn der Textanteil ist gewaltig. Über 100 000 Wörter versprach die Kickstarter-Kampagne. Nachgezählt habe ich nicht, doch das Volumen ist spürbar. Schade nur, dass die vielen komplizierten französischen Namen nicht gleich mit eingedeutscht wurden. „Frau Müller“ und „Herr Meier“ hätte die Gruppe einfacher vorlesen können.

Die Geschichte, die das Spiel erzählt, ist thematisch dicht und überaus spannend, und die Charaktere gut herausgearbeitet. Die Altersangabe ab 18 Jahren trifft auch zu. Die Sprache ist hart bis vulgär und es wird blutig, aber immer szenisch passend. Besonders loben muss ich an dieser Stelle die Übersetzung. Diese ist hervorragend gelungen, wirkt stets wie aus einem Guss und verleiht dem Spiel Leben. Wäre das Spiel ein Film oder ein Buch, es würde gut funktionieren.

In Bezug auf ein Brettspiel stelle ich mir aber schon die alte Frage: Als Brettspiel provoziert es jedoch die Sinnfrage: Wo bleibt die spielerische Substanz jenseits der digitalen Führung? Für das gute Gewissen, nicht nur am Tablet gesessen und vorgelesen zu haben? Würfel werfen und Figuren schieben machen für mich haptisch nicht so viel her und die Proben sind eigentlich auch nicht so wichtig. Geht es nicht weiter, versuche ich es noch einmal. Und noch einmal. Die App leitet so engmaschig, dass man zwar im Fluss bleibt, aber die spielerische Autonomie verliert.

Auch die Charakterprogression ist insgesamt nicht allzu umfangreich. Bedeutsamer sind die Entscheidungen, die ich treffe. Hier habe ich kurzzeitig den Eindruck, in einer offenen Welt zu sein, die im nächsten Moment durch verfügbare Orte und begrenzte Interaktionsmöglichkeiten wieder eingesperrt wird.

Auch Rätsel oder die Möglichkeit, Gegenstände zu kombinieren, wie beim neulich besprochenen TORIKI, fehlen weitgehend. Alles bleibt sehr linear.

Zu dritt würde ich THE DARK QUARTER nicht noch einmal angehen. Zwar verliert man mit jedem weggelassenen Helden ein Stück Story, doch das abwechselnde Lesen empfinde ich bei langen Passagen interessanter, als die Wartezeit in höherer Besetzung zu erdulden. Ein finales Bedürfnis nach weiteren Ausflügen in dieses New Orleans blieb aus: Ich möchte spielen, nicht primär vorlesen.

Abschließende Bewertung

„Auch wenn die Schachtel etwas anderes suggeriert: THE DARK QUARTER ist kein Spiel, sondern eine appgesteuerte interaktive Erzählung für Erwachsene. Als solche ist sie szenisch dicht und charakterstark. Wer jedoch spielerischen Tiefgang sucht, wird enttäuscht.“
Johannes
Brettspielminister

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