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LUTHIER – Spielerisch-Barocke Dekadenz

von Johannes

Über das Spiel

Preludium

LUTHIER gehörte zu den Spielen, die mich auf der SPIEL 2025 eigentlich gar nicht so sehr interessiert haben. Instrumentenbau, denn das ist es, was ein „Luthier“ macht, wie ich bei Wikipedia lernte. Thematisch ist das zwar innovativ, aber was Musik ohne Stromgitarren angeht, bin ich ein Banause. Barocke Opulenz und romantische Verspieltheit sind mir meist zu viel. Ich mag es lieber schlicht. Meine Frau sieht das glücklicherweise anders. Als wir am Stand von FUNTAILS vorbeikamen, sorgte ihr Votum dafür, dass die Deluxe-Version in die Tasche wanderte. Einige Partien später hat mich die Muße nun doch noch – wenn auch nur minimal – geküsst.

Instrumentenbauer*innenwerkstatt

Instrumentenbau ist ein Handwerk. Folgerichtig ist LUTHIER ein Worker-Placement-Spiel, bei dem in der Werkstatt alle mithelfen. Die Familienmitglieder (Worker) werden durch Chips repräsentiert, auf denen auf der einen Seite ihre Stärke abgedruckt ist. Die andere Seite zeigt mein Wappen. Eine Spielrunde hat mehrere Phasen. Zuerst legen reihum alle ihre Worker auf die dafür vorgesehenen Felder. Diese dürfen, anders als sonst oft üblich, auch von mehreren Spieler*innen und sogar von einem*einer Spieler*in mehrfach belegt werden. Alle haben die gleiche Anzahl Worker in den gleichen Stärken zur Verfügung. Im Spielverlauf wächst die Zahl der verfügbaren Arbeiter*innen jedoch an.

In der zweiten Phase dann wählen die Spieler*innen reihum – das ist der Grund, warum eine Seite der Worker nur ein Wappen zeigt –, beginnend bei dem*der Startspieler*innen, die Felder aus, die ausgelöst werden sollen. Und zwar für alle Spieler*innen gleichzeitig. Die Worker werden aufgenommen und nach Stärke sortiert. Die Person, die die stärksten Worker hineingelegt hat, darf zuerst die Aktion machen.

LUTHIER hat fünf gemeinsame Worker-Placement-Felder. Zusätzlich stehen den Spieler*innen zwei eigene Worker-Placement-Felder zum Bau der Instrumente zur Verfügung. Bei vier der fünf Felder sind die Auslagen jedoch begrenzt. Zum Beispiel möchte ich gerne Mäzen auf meinem Tableau liegen haben, weil sie mir am Anfang der Runde Geschenke bringen und für Siegpunkte wichtig sind. Habe ich im Vier-Personen-Spiel den höchsten Worker gelegt, darf ich aus zwei kostenfreien Mäzenen wählen. Dazu kommen drei Mäzen mit Kosten, die ich gerade zu Spielbeginn nur schlecht tragen kann. Bin ich auf einen bestimmten Mäzen aus, muss ich also einen hohen Workerchip beitragen. Dieser fehlt mir dann aber möglicherweise bei den anderen Feldern Gilde (Instrumentenkarten kaufen), Reparatur oder Konzert. Ein hoher Worker hat zudem den Vorteil, dass meine Aktion selbst besser wird, ich an zusätzliche Rohstoffe komme und/oder eine Leiste hochwandere. Rohstoffe gibt es ansonsten auf dem Markt zu erwerben, den ich einmal pro Runde als Zug besuchen kann. Die Ver- und Einkaufspreise variieren im Spielverlauf, was zur Dynamik beiträgt.

Die Rohstoffe benötige ich, um meine Instrumente in den beiden Schritten Grob- und Feinarbeiten zu fertigen und zu reparieren. Immer, wenn ich etwas gemacht habe, was sich einer der Mäzen in meiner Auslage wünscht, steige ich in dessen Gunst und der Geschenketimer, der mit ihm*ihr verbunden ist, wird zurückgesetzt. Das ist essenziell: Wer die Erwartungen seiner Gönner ignoriert, verliert sie spätestens nach drei Runden. Statt durch sie Siegpunkte zu generieren, werden mir dann welche abgezogen.

Neben den Instrumenten selbst erfreuen sich die Mäzen auch an Konzerten. Hier kommen Würfel zum Einsatz, mit denen ich zusammen mit dem Wert meines Workers eine möglichst hohe Zahl an Noten erreichen muss, um „mehr“ aus meinem Konzert herauszuholen. Idealerweise ist meine Zahl mindestens so hoch, dass ich einen Sitz im Orchester in der Mitte des Spielfeldes belegen darf.

Besonders attraktiv sind dabei Vorsitze, die ich dann bekomme, wenn ich mit einem kleinen Marker (Reparaturen, Konzerte) ein Feld zuerst belege oder eine andere Person verdränge. Gebaute Instrumente einer Art und seltene Instrumente belegen immer einen Vorsitz. Je nachdem, wie oft ich diese erste Geige spiele, erhalte ich am Ende des Spiels noch einmal viele Siegpunkte, sodass ich auch dieses Puzzle im Auge behalten muss.

Gleiches gilt für die Vielzahl persönlicher und geteilter Zwischenziele und Leisten.

Spielgenuss zwischen feinen Klängen und Dekadenz

Die Zuteilung von Mäzen zu den drei Epochen Barock, Klassik und Romantik und deren Vorlieben für Saiten-, Blas- sowie Schlagwerk- und Tasteninstrumente bietet viele Variationsmöglichkeiten.

Nicht zuletzt deswegen hatte ich auch nach mehreren Partien noch keinen vollständigen Überblick, obwohl ich den eigentlichen Spielverlauf schnell verinnerlichen konnte. Wie so oft gilt: Die Spielmechanik ist eigentlich nicht schwer. So pompös, wie das Spielbrett und das Spielmaterial daherkommen, so umfangreich sind aber die Zusammenhänge und es fällt schwer, die Vielfalt zu überblicken.

Ein wenig konträr zu dieser Spielerfahrung steht aus meiner Sicht der Umstand, dass dann doch erstaunlich viele Elemente des Spiels vom Zufall abhängen. Die Würfel bei den Konzerten sind das eine, aber schwerwiegender sind die Auslagen. Habe ich Pech, dann komme ich einfach nicht an den passenden Mäzen, Instrumente oder Reparaturen. In diesem Fall kann ich zwar noch am Spielgeschehen teilnehmen, wirklich beeinflussen kann ich es aber über eine gelegentliche Sabotage der anderen hinaus nicht. Das muss ich in einem Spiel dieser Gewichtsklasse mögen.

Die gut aufbereitete Anleitung und die thematische Einbettung ermöglichen eine flüssige Erklärung und einen guten Einstieg. Gestützt wird dieser auch durch das Einführungsspiel „Die Generalprobe“, das ich in meinen Runden jedoch nicht verwendet habe. Die Spielübersicht muss ich selten zur Hand nehmen, wohl aber die Übersicht über die Kräfte der Mäzen in der Anleitung.

Im Spiel steckt spürbar viel Liebe zum Detail und ich bekomme bis hin zu einem eigens für das Spiel aufgenommenen Soundtrack und einem Zeigestock in Form eines Taktstocks in der Deluxe-Variante alles, was das Sammler*innenherz sich erträumt. Angesichts des Preises von 129 €, den ich auf der SPIEL für die Deluxe-Variante bezahlt habe, war ich dennoch etwas enttäuscht, dass dort nicht auch die Deluxe-Ressourcen enthalten waren. Diese gibt es aktuell bei PAVERSON GAMES für noch einmal 52 € zu erstehen. Kaufe ich alle Extras, um die Deluxe-Variante zur Super-Deluxe-Variante inklusive Orgel-Würfelturm zu pimpen, lege ich auf die Deluxe-Variante noch einmal 200 € obendrauf. Die barocke Opulenz kennt keine Grenzen und dürfte wohl eher Sammler*innen als Spieler*innen ansprechen. Zum Spielen reicht bei Weitem auch die „normale“ Version. Immerhin ist auch ein Insert dabei. Das empfinde ich generell als Erleichterung, um zumindest hier den Zeitansatz beim Aufbau etwas zu verkürzen.

In meinen vergleichsweise schnellen Gruppen lag ich meist bei der auf der Schachtel angegebenen Spielzeit von 150 Minuten. Langweilig wurde mir dabei aber nicht.

Das, was mich am meisten an LUTHIER begeistert, ist die Spannung, die im zweiten Teil der Aktionsphase entsteht. Geht mein Plan auf, oder wird die Reihenfolge durch die Wahl meiner Mitspieler*innen empfindlich zerstört? Freud und Leid gehen hier oft Hand in Hand. Wird eine Aktion zu früh gewählt, fällt mein Plan bisweilen zusammen und ich muss mich womöglich mit den weniger attraktiven Hilfsaktionen zufriedengeben. Was habe ich meine Frau verflucht, als sie mir meinen Zug in einer Viererpartie kaputt machte und mich letztlich den Sieg kostete. Das war aber nur die Revanche, denn zwei Runden zuvor hatte ich dasselbe mit ihr getan.

LUTHIER erregt trotz des arrivierten Themas also die Gemüter. Zumindest zu dritt oder zu viert. Zu zweit fand ich es eher als langweilig, da wir uns schlichtweg zu wenig in die Quere kamen. In einer Regelvariante wird angeboten, in diesen Fällen mit dem Solo-Bot als drittem Spieler*in zu spielen. Das ist mir persönlich allerdings zu viel Verwaltungsaufwand.

Abschließende Bewertung

„LUTHIER ist ein thematisch dichtes Worker-Placement-Spiel, das vor Opulenz nur so strotzt. Gut gefällt mir der mechanisch bedinge Grad an Interaktion am Tisch. Solitäres Puzzeln wird hierdurch verhindert. Allerdings ist auch immer Glück mit von der Partie, dass ich auch durch gute Handwerkskunst nur bedingt beeinflussen kann. Für mich hätte das Spiel mechanisch insgesamt ein wenig mehr Klassik und weniger Barock sein können. Habe ich aber Lust auf ein ausladendes Spielerlebnis, dann folge ich gerne der Einladung zu einer Partie LUTHIER.“
Johannes
Brettspielminister

Transparenzhinweis

Für stilistische Überarbeitungsschritte sowie das Lektorat kamen nach Erstellung der Rohfassung KI-Tools zum Einsatz. Die Rezension, ihre Argumentation und alle Bewertungen wurden eigenständig verfasst.

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