Über das Spiel
- Erschienen bei Alley Cat Games
- Autor*innen: Toni López
- BGG-Wertung: 8,1 | Weight: 3,91 | Spieler*innenanzahl: 1-4
Wissenschaftlicher Feminismus
Ungefähr ein Jahrhundert, bevor Konrad Zuse die erste programmierbare Rechenmaschine konstruierte, entwickelte Ada Lovelace das erste Computerprogramm der Welt. Für die Umsetzung fehlte ihr in der viktorianischen Ära jedoch ein entscheidender Teil: ein Penis.
In einer Zeit, in der das Y-Chromosom die Grundvoraussetzung für wissenschaftliche Anerkennung war, ignorierte ihr Freund Charles Babbage ihre wegweisenden Vorschläge. Er hatte zwar die Maschine entwickelt, doch Lovelace erkannte deren Potenzial weitaus schärfer als er selbst.
Spiele müssen glücklicherweise nicht die traurige Realität abbilden (mehr dazu beispielsweise in diesem Podcast; danke an Tobias). Und so dürfen wir in ADA’S DREAM Ada Lovelace dabei unterstützen, Babbages Maschine endlich zu vollenden.
Werkstatt
Angetrieben wird die Dampfmaschine durch Zahnräder und Würfel. Wer am Zug ist, darf entweder einen Würfel auf einem Rondell aussuchen oder einen zuvor genommenen Würfel auf dem eigenen Tableau einsetzen. Das Einsetzen löst Aktionen in vier Bereichen aus, die der wissenschaftlichen Arbeitslogik entsprechen. In Meetings lerne ich Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichsten Disziplinen kennen, die dann in Form neuer Handkarten zu mir wandern. In den Institutionen des Landes erhalte ich Unterstützung für meine Forschung. Auch Reisetätigkeit innerhalb von Großbritannien sorgt für Anregungen (und kleine Boni), schröpft dafür aber meine Kasse. Am interessantesten finde ich jedoch die Aktion, die sich direkt auf Adas Studien bezieht. Hier erhalte ich unter anderem Lochkarten, die ich in Schlitze meines Spieler*innenboards stecke.
Am Ende des Spiels punkten diese Lochkarten, wenn die Würfel in den jeweiligen Reihen oder Spalten exakt den Programmieranweisungen entsprechen. Vorgaben wie Farbreinheit oder numerische Parität (z. B. nur ungerade Zahlen) bestimmen hier den Ertrag. Zusätzlich zählen die Würfelaugen selbst, wenn in die Felder zwischen ihnen Zahnräder mit mathematischen Operatoren gelegt werden. Dies erklärt auch, warum für das Spiel ein Würfelmechanismus gewählt wurde. Würfel mit vielen Augen sind für diese Wertung wertvoller. Zum Ausgleich machen es niedrige Würfel einfacher, als Teil des Nehmens aus dem Rondell, Karten auszuspielen. Die Menge an Punkten wird allerdings durch Dampf in meiner Dampfmaschine begrenzt, ähnlich wie bei PAPYRIA.
Bücher dienen als Schmiermittel: Sie ermöglichen Bonusaktionen wie das Tauschen oder Manipulieren von Würfeln. Ferner warten Leisten, Mehrheitenwertungen und Zwischenziele darauf, optimiert zu werden.
Peer Review
Wissenschaft ist kein Kinderspiel und ADAS DREAM klar ein Expert*innentitel. Es gilt viel zu beachten, und die Elemente greifen nahtlos ineinander. Da die Leisten mit verbesserten Aktionen verknüpft sind, werden die Spielzüge im Verlauf immer komplexer und länger. Im ersten Zug nehme ich mir unweigerlich einen Würfel und setze damit den ersten Akzent. Kann ich dann noch eine Karte spielen, ist das das Höchste der Gefühle. Später spüre ich den Fortschritt an meiner in Gang kommenden Maschine. Das ist belohnend, erfordert aber auch Konzentration: Wissenschaft ist ein kleinschrittiger Prozess, bei dem man leicht Details vergisst.
Wie so oft bei Spielen dieser Klasse bleibt die Interaktion etwas auf der Strecke. Ich bin nicht gänzlich im Elfenbeinturm abgetaucht, aber meine Mitspieler*innen bemerke ich primär dann, wenn mir ein Teil – sei es Würfel, Karte, Legeplatz oder Lochkarte – weggenommen wird. Und natürlich beim Endspurt, der durch das Legen des neunten Würfels auf ein Tableau eingeleitet wird. Bis dahin erlebe ich eine denkintensive Zeit, in der die Illustrationen eine wunderbare immersive Atmosphäre schaffen.
Ich habe die englischsprachige Kickstarter-Version zu Hause. Bei dieser stört mich nur, dass die metallenen Kupferrohre wie Goldbarren aussehen. Ob STROHMANN-Games, die das Spiel in diesem Jahr herausbringen, auch diese Opulenz mitliefern wird, steht noch nicht fest.
Die guten Spielerhilfen, die an Pfaddiagramme erinnern, gleichen ein paar kleinere Ungenauigkeiten in der ansonsten guten und thematischen Anleitung zumindest ein wenig aus.
In puncto Balancing scheint jede Strategie relevant zu sein; Adas Studien, über die ich unter anderem an Lochkarten, Bücher und Zahnräder komme, bleiben jedoch der zentrale Ankerpunkt. Das passt auch inhaltlich gut.
Sehr hoch ist der Wiederspielreiz. Dadurch, dass neben den Würfeln viele Elemente variabel angelegt werden, sind die Partien nicht einander gleich. Veränderte Spieler*innenzahlen haben indes keinen Einfluss auf das Spiel. Der Aufbau ist gleichbleibend. Das reduziert die Spannung bei den Mehrheitenwertungen. Dennoch bleibt das Spiel auch unterhalb der Maximalbesetzung reizvoll.
Das, was ADAS DREAM herausstechen lässt, sind ohnehin weder Wettrennen noch Aktionen, sondern das Puzzle der Rechenmaschine aus Würfeln, Lochkarten und Zahnrädern. Zuerst war ich von dessen Optik und Haptik angelockt, geblieben bin ich aber im Bestreben, dies immer besser zu lösen.
Blieb Ada Lovelace zu ihrer Zeit der Ruhm verwehrt, ihr Programm auch umzusetzen, bekommt sie mit diesem Spiel zumindest eine Umsetzung, die ihrer würdig ist. Ich freue mich auf viele weitere Partien.
Abschließende Bewertung