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Der Kommentar zu den Nominierungen für das SPIEL und KENNERSPIEL DES JAHRES

von Johannes

Gute alte Zeiten

Früher gehörte es zur Tradition, dass in den Redaktionen einschlägiger Brettspielmagazine (vor allem der FAIRPLAY) schon Wochen vor der Verkündung der neuen Listen die Federn angespitzt und die schönsten kritischen Formulierungen gesammelt wurden. In den folgenden Ergüssen war förmlich die diebische Freude zu spüren, die die Autoren beim Verfassen der Zeilen empfanden, während sie der Jury genüsslich den Spiegel vorhielten.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Die Jury der dritten oder vierten Generation macht insgesamt einen guten Job. Wirklich umstrittene Entscheidungen, wie die Wahl von LIVING FOREST zum KENNERSPIEL DES JAHRES 2022 kommen selten vor. Und wenn, dann meistens beim Kennerspiel. Aber diese Klientel ist durch die eigene Brettspielerfahrung ja ohnehin etwas leiderprobter und gibt nicht gleich auf, auch wenn der Siegertitel vielleicht nicht ganz den Erwartungen entspricht.

Okay, auch BOMB BUSTERS führte nicht überall zu Bombenstimmung in der Szene. Das war aber eher dem Thema geschuldet – das familiäre Entschärfen fand eben nicht jeder witzig. Und davor SKY TEAM. Ausgerechnet ein Zwei-Personen-Spiel! Stelle sich das mal einer vor!

Was schreibe ich also? Gemeckert wird doch immer. Dann darf ich auch mitmachen.

Nachdem sich die Enklave letztes Wochenende in einem Hotel eingeschlossen hatte, stieg heute virtueller Rauch auf und der Vorsitzende des Vereins SPIEL DES JAHRES E. V., HARALD SCHRAPERS und der stellvertretende Vorsitzende CHRISTOPH SCHLEWINSKI begaben sich ins kleine YOUTUBE-Fenster. Ganz hitzig kann die Diskussion im Vorfeld nicht gewesen sein, denn immerhin fanden sich am Abend noch Teile der Jury zum gemeinsamen Schauen des EUROVISION SONG CONTEST zusammen. Oder es diente einem Comic-Relief. Als Externer weiß ich das nicht. Die Transparenz der Jury endet an den verschlossenen Türen der Besprechung.

Spiel des Jahres

Ihr seht, ich hätte eigentlich Lust, in alter Tradition die Liste zu zerreißen. Nur: Die Longlist für das SPIEL DES JAHRES finde ich sogar sehr gut. Wir sprechen hier über einen guten Jahrgang und daraus eine gute Auswahl.

Auf der Longlist für das SPIEL DES JAHRES stehen:

Aus dieser Auswahl ergibt sich die Shortlist der drei Titel, die jetzt auf das Prädikat SPIEL DES JAHRES hoffen dürfen: COZY STICKERVILLE, DITO! und MORTY SORTY MAGIC SHOP.

Überrascht bin ich, dass sowohl COZY STICKERVILLE als auch TORIKI es auf die Longlist geschafft haben. Nicht falsch verstehen: Es sind beides hervorragende Titel, aber sie schlagen sehr in die gleiche Kerbe. HOT STREAK war für mich immer mehr ein Titel für Vielspieler*innenrunden – dieses Spiel hätte ich pauschal nicht dem typischen SdJ-Klientel empfohlen. TAKE TIME gefiel mir persönlich zwar nicht sonderlich, ich kann aber verstehen, was andere Personen daran gut finden. Mit WILMOT’S WAREHOUSE hatte ich mehrere schöne Partien.

Wirklich kritisch sehe ich nur die Adelung von MORTY SORTY MAGIC SHOP. Es ist ein solides Legespiel, bei dem mir aber eindeutig die Besonderheit fehlt. Fans des SPIEL DES JAHRES finden in dieser Rubrik schon genügend mindestens gleichwertige Titel in älteren Jahrgängen. DITO! ist ein nettes Assoziationsspiel, aber auch hier fehlt mir die Innovationskraft, die zum Beispiel KRAKEL ORAKEL im letzten Jahr versprühte. Insofern drücke ich im Juli meine Daumen für COZY STICKERVILLE.

Kennerspiel des Jahres

In der Rubrik KENNERSPIEL DES JAHRES war der Jahrgang insgesamt deutlich schwächer als in den Vorjahren. Dies zeigt sich auch in der Longlist, von der ich einen Titel (FROSTED BLOOMS) bisher sogar gar nicht gespielt habe – was natürlich erst einmal nichts über seine Qualität aussagt:

Verdichtet wird diese Liste auf die Shortlist BOSS FIGHTERS QR, MOON COLONY BLOODBATH und REBIRTH.

Wenn mich jemand im Vorfeld gefragt hat, habe ich BOSS FIGHTERS QR immer in die Kategorie Familienspiel einsortiert. Dort wäre es auch mein Favorit gewesen. Im Kennerspielbereich könnte es nun schwierig werden, sich gegen den (gefühlten) Favoriten REBIRTH durchzusetzen.

MOON COLONY BLOODBATH hingegen hat das, was ich oben bereits vermisst habe: Innovation. Allerdings kann ich mir das Spiel wegen seines Covers und des Titels schwer im THALIA neben den anderen SPIEL DES JAHRES-Titeln vorstellen. Ich habe hier erst eine Partie gespielt, und diese war ab Mitte der Partie auch etwas zäh. Das muss ich noch weiter austesten.

ARTENGARTEN hätte ich persönlich hingegen ebenfalls einen Platz auf dem Treppchen zugestanden. Dort könnte der Wust an kleinen Regeln und Symbolen aus Sicht der Jury ein Hinderungsgrund für die Nominierung gewesen sein. Aber das sind natürlich nur Mutmaßungen.

GRUNDSTEIN VON METROPOLIS ist lediglich eine Reimplementierung eines älteren, komplett überproduzierten Kickstarters (FOUNDATIONS OF ROME), den mal ein Mitspieler bei mir angeschleppt hat (im wahrsten Sinne des Wortes). Damit war es für mich raus, obwohl ich es nett fand. Aber auch hier: Nicht unbedingt etwas Besonderes, was es in den vergangenen Jahren nicht schon gegeben hätte.

Sicher bin ich mir aber, dass die Jury in einem Punkt an akuter Geschmacksverirrung litt: DER HERR DER RINGE – DAS SCHICKSAL DER GEMEINSCHAFT ist wohl eines der, wenn nicht gar das beste Spiel des Jahres. Preise aus anderen Ländern geben mir Recht. War das Werk der Jury jetzt einfach zu schwer für ein Kennerspiel, oder können sich einige der Mitglieder immer noch nicht auf die tolkiensche Geschichte einlassen?

Ein weiterer Verlierer sind – mal wieder – die Frauen. HARALD SCHRAPERS hatte es mir bereits im Interview mitgeteilt: Nur 2,3 % der 440 gesichteten Titel waren reine Autorinnenspiele. Da muss dringend Besserung eintreten.

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1 Kommentar(e)

Geekpunkt 19. Mai 2026 - 17:48

Jetzt sind es 0% Frauen

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