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HARALD SCHRAPERS (Vorsitzender SPIEL DES JAHRES e. V.) im Interview

Die Arbeit der Jury des wichtigsten Spielepreises, interne Prozesse und soziale Verantwortung

von Johannes

Harald Schrapers

Portraitfoto Harald Schrapers

Foto: Spiel des Jahres e. V.

HARALD SCHRAPERS, Jahrgang 1964, veröffentlicht seit Anfang der 1990er Brettspielkritiken. Er war freier Mitarbeiter der FAIRPLAY, hat für die THÜRINGER ALLGEMEINE und DIE ZEIT geschrieben und ist in aktueller Position freier Mitarbeiter der SPIELBOX. Seit 1993 betreibt er die Website GAMES WE PLAY.

Seit 2017 ist er Mitglied des Vereins SPIEL DES JAHRES E. V., der die Spielepreise SPIEL DES JAHRES, KENNERSPIEL DES JAHRES und KINDERSPIEL DES JAHRES vergibt, und seit 2018 dessen Vorsitzender.

Das Interview wurde am 13. Mai 2026 per Videocall geführt und anschließend verschriftlicht.

Interview

ICH: Nächsten Dienstag [19. Mai 2026] wird die Longlist veröffentlicht. Ist das befreiend, weil die Anzahl zu spielender Titel schlagartig schrumpft, oder kommt jetzt erst der harte Teil der Arbeit?

SCHRAPERS: Sehr befreiend, ja. Danach ist es keine harte Arbeit mehr.

ICH: Die Empfehlungslisten bestanden in den letzten Jahren immer aus Spielen sehr unterschiedlicher Kategorien. Für jede*n war etwas dabei. Wie gelenkt ist die Zusammenstellung der Listen? Habt ihr eine Kategorienliste, die ihr abhakt?

SCHRAPERS: Nein, die haben wir nicht, sondern erst einmal versuchen alle Jurymitglieder, die aus ihrer Sicht besten Spiele auf die Longlist zu bekommen. Erst im zweiten Schritt wird ein Jurymitglied berücksichtigen, ob etwa ein Spiel das einzige Würfelspiel auf der Liste wäre, während es schon mehrere Partyspiele gibt. Und das kann dann einen Ausschlag zwischen zwei gleichwertigen Titeln geben.

ICH: Du bist mittlerweile schon seit 9 Jahren Mitglied der Jury und seit 8 Jahren ihr Vorsitzender. Ist für dich der ganze Prozess noch aufregend oder ist alles nur Routine?

SCHRAPERS: Der ganze Prozess ist immer noch sehr aufregend. Und er ist auch jedes Jahr anders.

ICH: Ich habe den Eindruck, dass ihr euch im Vergleich zu früheren Zeiten mehr bemüht, für Transparenz über die Entscheidungsprozesse zu sorgen. Trotzdem gibt es insbesondere aus der Vielspieler*innenszene jedes Jahr viel Kritik. Könnt ihr diesen gordischen Knoten lösen?

SCHRAPERS: Ich habe das Gefühl, dass es gar nicht so übermäßig viel Kritik gibt. Kritik muss es ja geben. Wir sind eine Kritiker*innenjury und müssen auch selbst in der Lage sein, Kritik zu vertragen. Und deswegen habe ich da überhaupt nichts dagegen. Der Großteil der Kritik, die geübt wird, ist konstruktiv. Manchmal sind Spielevorschläge dabei, wo ich persönlich sagen würde: „Der oder die hat genau recht!“ Aber meine Jurykolleg*innen in ihrer Mehrheit haben das anders gesehen.

ICH: Als Person des öffentlichen Interesses innerhalb der Szene machst du dich angreifbar. In Erinnerung geblieben ist mir ein Editorial in der SPIELBOX (7/2019), das in der Solospielenden-Community – freundlich ausgedrückt – nicht positiv aufgenommen wurde. [Anmerkung: SCHRAPERS schrieb damals, dass für ihn Gesellschaftsspiele erst anfangen, „wenn sich wenigstens zwei Personen um das Brett versammeln“.] Wie gehst du damit um?

SCHRAPERS: Ich bin Vorsitzender eines Vereins. Klar, das ist eine besondere Rolle. Aber das ist ein Verein von Journalist*innen. Das wäre absurd, wenn man, sobald man in dem Verein ist, seine journalistische Aufgabe, nämlich eine Meinung zu vertreten, nicht mehr wahrnehmen dürfte.

Inzwischen war auch Corona. Die Zahl der Solospielenden hat sich deutlich vergrößert. Es ist kein ausschließliches Nischenthema mehr.

Aus heutiger Sicht lag ich nicht in allen Punkten richtig; die damalige Aussage würde ich in dieser zugespitzten Form so nicht mehr unterschreiben. Grundsätzlich bleibt es aber dabei, dass ich finde, dass der Kern des Brettspiels immer noch das Gesellschaftsspiel ist. Ich finde es aber großartig, dass sich das Brettspiel in so viele Nischen und Bereiche – ausdrücklich beides – ausgedehnt hat. Und da gehört ohne Zweifel auch das Solospielen mit dazu.

ICH: Implizit sind wir eben schon in der Eingangsfrage auf dein Dienstalter zu sprechen gekommen. Insbesondere in den Anfangsjahren konnte man den Eindruck gewinnen, dass manche Jurymitglieder auf ihren Posten kleben würden. Auch der Ruf der Jurymitglieder war nicht überall der beste. Dazu gleich zwei Fragen: Welche Annehmlichkeiten bringt das Jury-Dasein mit sich, dass man ungerne damit aufhört, und wie werden Verjüngungsprozesse gesteuert?

SCHRAPERS: Wer super gerne spielt – und auch weit mehr als 150 verschiedene Titel im Jahr –, der findet das natürlich angenehm, dass alle Spiele zu ihm nach Hause geliefert werden und er oder sie diese nur noch annehmen muss. Voraussetzung ist natürlich die entsprechenden zeitlichen Kapazitäten zu haben. Zusätzlich zur Jury-Klausur, bei der die Entscheidung über die Long- und Shortlist getroffen wird, kommen drei weitere viertägige Spielwochenenden hinzu, die wir in Kauf nehmen. Hier gewinnen wir Eindrücke von den Spielen und spielen gemeinsam. Die enge Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen macht richtig viel Spaß.

Das sind Annehmlichkeiten. Wenn ich weniger Zeit hätte und irgendwas dazwischenkommen würde, das mir sagt, dass ich dieses Pensum nicht mehr schaffe, dann würde ich die Jury verlassen müssen. Der Überblick über den Jahrgang und die Notwendigkeit, einen erheblichen Teil davon zu spielen, ist für meine Rolle als Jurymitglied essenziell.

ICH: Was passiert, wenn jemand das Pensum nicht halten kann? Gibt es einen Prozess, mit dem ihr eine Verjüngung gezielt aussteuert?

SCHRAPERS: Grundsätzlich gilt im Verein: Wer es nicht schafft, dieses Pensum zu erledigen, der muss aus der Jury ausscheiden. Das legen die Statuten so fest. Dann kann er oder sie bestenfalls noch beratendes Mitglied des Vereins sein. Gegenwärtig stellt sich diese Frage aber gar nicht.

Wir verlangen ja nicht, dass jedes Mitglied 250 Spiele oder mehr im Jahr schafft. Denn wir wollen Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen in der Jury haben. Das heißt, dass jemand, der zum Beispiel Familie hat oder beruflich oder mit einem anderen Ehrenamt ausgelastet ist, eventuell auch mal weniger als im Vorjahr schafft, und das ist in Ordnung.  Nicht alle müssen gleich viele Titel durchspielen, die einen begnügen sich mit 150, andere erreichen 300 Spiele.

Neben der Sachkunde, was Spielen angeht, achten wir auch ein wenig darauf, dass wir eine Heterogenität in der Juryzusammensetzung haben.

ICH: Und wie wird das konkret gemacht?

SCHRAPERS: Wir reden darüber, insbesondere bei Neuaufnahmen. Dann gucken wir: Ist das eine Spielekritiker*in, die a) sachkundig ist, aber b) auch etwas zu einer Heterogenität in der Jury beitragen kann? Als ich Vorsitzender wurde, gab es zum Beispiel nur ein weibliches Mitglied in der roten Jury. Das konnten wir ein Stück weit verändern. Zwischendurch hatten wir die Situation, dass immer weniger Menschen in der Jury waren, die mit Kindern zusammenleben. Das ist nicht nur für die Kinderspieljury, sondern auch für die Jury des SPIEL DES JAHRES ein Problem. Rote Spiele sollen nicht nur, aber auch, mit Kindern spielbar sein.

Wenn ich mit Kindern zusammenlebe, habe ich einen anderen Zugang, als wenn ich Kinder nur bei Verwandten oder bei Nachbar*innen treffe. Darüber haben wir diskutiert und überlegt, was das für die Zusammensetzung der Jury bedeutet.

ICH: Die Jury besteht aus Brettspielkritiker*innen, die bis zu ihrem Beitritt frei ihre verschiedenen Kanäle bespielen. Was ändert sich für die Kritiker*innen nach ihrem Beitritt? Gibt es eine Art Code of Conduct oder Maßgaben, was die eigene Quantität und Qualität der Arbeit betrifft?

SCHRAPERS: Wir verlangen, dass die Qualität hoch bleibt. In der Regel wird sie sogar besser, weil man einen noch größeren Überblick über den Spieleoutput hat, den die Verlage so im Jahr produzieren. Was die Quantität angeht, wird es oft ein bisschen weniger. Das ist aber auch verständlich, wenn man so viele Spiele spielen muss und alles ehrenamtlich macht. Auch die Spielekritiken entstehen ja bei vielen Juror*innen als Hobby, das in zeitlicher Konkurrenz zum Ehrenamt steht. Ein Mindestmaß der Sichtbarkeit der einzelnen Mitglieder ist sehr wichtig für die Transparenz unserer Arbeit.

ICH: Beschränkt die Mitgliedschaft im Verein manchmal die Tonlage ihrer Mitglieder?

SCHRAPERS: Was Spielekritiken angeht, hoffentlich nicht. Insbesondere in der Zeit, bevor die Entscheidung der Jury getroffen wird, sollten wir – und das machen wir ja sogar in unserem eigenen Format, dem spielerischen Quartett – mit zugespitzten und deutlichen Worten in keiner Weise sparen. Das gehört mit zu einer guten Spielekritik.

Nachdem die Entscheidung gefallen ist, sind wir grundsätzlich alle verpflichtet, die Entscheidung der Jury mitzutragen. Dann sparen wir uns Spitzen, die so verstanden werden könnten, als ob sie gegen andere Jurymitglieder gerichtet wären.

ICH: Nach außen hin betonen die Jury-Mitglieder immer, dass sie nur ihre Einzelmeinung vertreten können, denn die Jury besteht aus 14 Personen. Wie demokratisch sind die internen Prozesse?

SCHRAPERS: Sie sind nach meiner Einschätzung in jeder Hinsicht sehr demokratisch. Also sowohl formal als auch in der Realität, so wie ich die Abstimmungen erlebe. Theoretisch hätte ich als Vorsitzender nur bei der allerletzten Schlussabstimmung, wenn es um das Siegerspiel geht, bei einem wiederholten Patt die Pflicht, das Patt aufzulösen. Das ist in meiner Zeit aber noch nicht vorgekommen.

ICH: Früher war es so, dass die Jury gezwungen war, auch über mehrere Jahrgänge hinweg Titel zu berücksichtigen, weil es so wenig geeignete Auswahl gab. Heute habt ihr ein eher gegenteiliges Problem. Gleichzeitig ist die Halbwertszeit von Spielen erstaunlich kurz. Nur die Gewinner sind mehrjährig. Trägt die jährliche Vergabe der Preise zu diesem Umstand bei?

SCHRAPERS [entschieden]: Nein.

ICH: Mit der Preisvergabe habt ihr erhebliche Marktmacht. Verlage, die den Preis gewinnen, haben auch in Zukunft mehr Ressourcen, um bessere Spiele herauszugeben. Wird dies intern diskutiert und bei der Vergabe berücksichtigt?

SCHRAPERS [entschieden]: Nein.

ICH: Die Initiative FLINTA*stisch hat in jüngerer Vergangenheit in verschiedenen Medien den Vorschlag unterbreitet, noch einen Extra-Preis für FLINTA*s herauszugeben, der ebenfalls vom Spiel des Jahres e.V. herausgegeben werden sollte. Was denkst du darüber?

SCHRAPERS: Extrapreise egal wofür wird es nicht geben. Es ist aber durchaus wichtig, mehr dafür zu tun, dass es Autorinnenspiele gibt. Von den der Jury für das Spiel und das Kennerspiel in diesem Jahrgang vorliegenden Titeln stammen 2,3 % von Autorinnen und 94,3 % von Autoren, der Rest von gemischten Teams. Das ist ein eklatantes Missverhältnis. Wie man insbesondere die Verlage dazu bewegt, diesen Zustand zu ändern, dafür habe ich aktuell kein Patentrezept.

ICH: Innerhalb der Jury gibt es wahrscheinlich Momente, in denen ihr über eure eigene Wahrnehmung oder mögliche blinde Flecken diskutiert, oder?

SCHRAPERS: Das machen wir im Rahmen von Vereinssitzungen, losgelöst von den Jury-Sitzungen, bei denen es uns ausschließlich um das spielerische Erlebnis geht.

Wir kämpfen uns nicht durch mehrere hundert Spiele, um am Ende zu sagen: Jetzt lassen wir mal andere als nur spielerische Kriterien sprechen. Es müsste vielleicht mal der Verlag Y an die Reihe kommen oder die Autorin Z hätte es verdient.

Dazu mögen wir Spiele viel zu sehr, hängen uns viel zu sehr da rein. Wir haben eine sehr klare Vorstellung davon, dass nicht viele Spiele ungefähr gleich gut sind. Sondern wir wissen, was die sehr guten und was die besten Spiele sind, und setzen uns in der Jury-Abstimmung genau dafür ein.

Ich danke Harald Schrapers ganz herzlich für die Offenheit, mit der er alle Fragen beantwortet hat.

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