Brettspieljournalistisch-wissenschaftlicher Zugang
Es gab eine Zeit, da war der schriftliche Brettspieljournalismus die einzige Möglichkeit, sich unabhängig über Brettspiele zu informieren. Angefangen mit EUGEN OKERS Spielerezensionen in der ZEIT ab 1964, schossen ab Ende der 1970er/Anfang der 1980er Zeitschriften und Zines aus dem Boden. Play by Mail erlaubte Partien mit Gleichgesinnten auch über große Distanzen. Mit der Etablierung des Internets Ende der 1990er kamen neue Medien dazu und andere wurden eingestellt. Zuerst als Webzines, dann als Blogs und schließlich als soziale Medien, auf denen jede*r medial emanzipiert mitmischen konnte. Auch die Konsumgewohnheiten haben sich gewandelt. Ausgedehnte Videos und Podcasts zum Nebenher-Hören haben Texte als Primärquelle für viele Konsument*innen verdrängt.
Als ich diesen Blog vor nunmehr drei Jahren ins Leben gerufen habe, war er bereits ein Anachronismus. Beim Sichten eines alten Zeitschriftenbestandes, den ich für Recherchezwecke erworben habe, wurde mir aber erneut klar: Schriftliche Ausarbeitungen haben einen Wert, der weit über das aktuelle Video hinausgeht. Wer schreibt, der bleibt. Beiträge auf Social Media sind schon nach Absetzen des Posts einem rapiden Alterungsprozess unterworfen. Texte hingegen werden immer wieder gefunden, weil sie sich leicht archivieren lassen.
Für jemanden wie mich, der sich auch wissenschaftlich mit der Szene auseinandersetzt, ist das essenziell. Die FAIR-Prinzipien sind Leitplanken, nach denen Forschungsdaten beschrieben und veröffentlicht werden. FAIR bedeutet, dass Daten auffindbar (findable), zugänglich (accessible), interoperabel und wiederverwendbar (reusable) sein sollten (Wilkinson et al. 2016). Texte erfüllen die FAIR-Kriterien nativ: Sie sind ohne proprietäre Abspielsoftware zugänglich und lassen sich ohne weiteren Aufwand zitieren und archivieren. Auch ihr Bedarf an Speicherkapazitäten ist gering.
Auf Video- und Audiocontent trifft das nicht zu. Zwar lernen KI-Modelle zunehmend, Audio- und Videoinhalte zu transkribieren, doch dies kostet viele Ressourcen und bedarf Kuratierung. Ein Forschungsdatenarchiv der Ludologie lässt sich auf ihrer Basis nicht aufbauen.
Diesen Bedarf gibt es innerhalb des empirisch ausgerichteten Teils dieser transdisziplinären Wissenschaft zweifelsohne. Zwar mag der unmittelbare Wert einer einzelnen Rezension nur gering sein. Berichte über Veranstaltungen, Ereignisse oder Interviews können aber langfristig zur Beschreibung der Veränderungen der Szene herangezogen werden.
Das ist historisch interessant, aber auch für die Zukunft relevant. Mit Kenntnis der Vergangenheit lassen sich künftige Ereignisse besser einschätzen. In einer Umgebung, die auf Schnelligkeit und Sichtbarkeit optimiert ist, bieten schriftliche Ausarbeitungen, egal ob in Zeitschriften oder auf Blogs, etwas Seltenes: Beständigkeit. Für die Leser*innen, aber auch für die Wissenschaft. Ich bin froh über mein Archiv schriftlicher Erzeugnisse (SPIELBOX, FAIRPLAY, PÖPPEL-REVUE), das Grundlage neuer Erkenntnisse sein wird.