Home WissenschaftStandortnachteil Ostdeutschland

Standortnachteil Ostdeutschland

Kurzanalyse Wohnorte Spieleautor*innen in Deutschland

von Johannes

Einleitung

Netzwerke entscheiden über den Erfolg von Autor*innen. Das habe ich unter anderem in meinem SPIEL.TALK gezeigt. Damit Netzwerke entstehen, brauchen Autor*innen Strukturen. Eine Möglichkeit sind Vereinigungen wie die Spiele-Autoren-Zunft e. V. (SAZ), die das Spieleautor*innen-Treffen in Göttingen ausrichtet und digitale Angebote bereitstellt. Noch niedrigschwelliger hilft der regelmäßige persönliche Austausch – etwa bei Prototypentagen in Brettspielcafés wie dem Playce in Frankfurt oder dem Würfel & Zucker in Hamburg. Allerdings wohnen nicht alle Autor*innen nahe an solchen Orten.

Auf der Website der SAZ bin ich auf eine öffentliche Autor*innenliste gestoßen und neugierig geworden: Wie verteilen sich die öffentlich gelisteten Mitglieder der SAZ wohl in der Bundesrepublik?

Datengrundlage und Methodik

Datenbasis für die folgende Grafik sind die öffentlich einsehbaren Autor*innenprofile auf der Website der SAZ. Die Profile dienen laut SAZ als „Suchmaschine für Spieleautor*innen untereinander, für Verlage, für Medien sowie für Unternehmen und Institutionen, die Autor*innen und Entwicklungspartner für ein neues Spiel suchen.“ Sie bilden weder die gesamte Autor*innenschaft in Deutschland noch alle Mitglieder der SAZ ab. Letztere müssen sich aktiv für die Liste freischalten lassen und ihre Einträge selbst pflegen.

Nach dem Download habe ich die Daten bereinigt, sodass nur Einzelautor*innenprofile aus Deutschland übrigblieben. Anschließend habe ich die Daten manuell gendercodiert. Auf Basis von Namen, BoardGameGeek-Profilen und Interviews habe ich den 250 Personen jeweils ein soziales Geschlecht zugewiesen. Der Anteil an Autorinnen beträgt 16,4 % (41 von 250 Personen).

Zuletzt habe ich die Postleitzahlen, die Flächen und keine Punkte beschreiben, per Datenbank georeferenziert. Die Datenbank bestimmt für jede Postleitzahl den geografischen Mittelpunkt aus Längen- und Breitengrad. So lassen sie sich leicht auf einer Karte darstellen. Bei einer Postleitzahl gab es einen Zahlendreher, den ich korrigiert habe. Bei einer weiteren habe ich einen anderen Stadtbezirk gewählt, da die Postleitzahl in der Datenbank fehlte.

Kartografie

Die Karte zeigt den Umriss der Bundesrepublik Deutschland und die Grenzen der einzelnen Bundesländer. Die farblichen Punkte geben die Wohnorte der Autor*innen an. Deren Farbe markiert, ob es sich um einen Autor (blau) oder eine Autorin (rot) handelt.

Wenig überraschend gibt es in den Ballungsräumen mehr Autor*innen. Wo viele Menschen leben, wohnen auch mehr von ihnen. Doch abseits der Metropolen zeigen sich weitere Muster. Während die Dichte in den Stadtstaaten, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern hoch ist, leben im Osten der Republik – außer in Berlin – nur wenige der öffentlich gelisteten SAZ-Mitglieder. Besonders dünn besiedelt ist Mecklenburg-Vorpommern. Im gesamten Bundesland führt die Datenbank kein einziges Mitglied.

Möchte ich als Autorin mit anderen Autorinnen zusammenarbeiten – was mit Blick auf die Homophilie-Hypothese aus meinem Vortrag wichtig ist –, wohne ich idealerweise in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Stuttgart oder im Münchner Umland. In anderen Regionen fällt es schwer, persönlichen Kontakt zu finden.

Auch im Hinblick auf kleinere lokale Veranstaltungen bewahrheitet sich diese These. Unter dem Label Stadt-Land-Spielt! haben 2026 444 Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet und den Nachbarländern stattgefunden. Die auf Google-Maps verfügbaren Daten habe ich für den Vergleich ebenfalls abgetragen.

Fazit

Man mag einwenden: Dass die Infrastruktur im Osten lückenhaft ist, überrascht niemanden. Es gibt nur wenige große Verlage und kaum große Publikumsveranstaltungen abseits der BerlinCon und eine geringere Anzahl an kleinen Veranstaltungen wie Stadt-Land-Spielt!. Auch in der Jury des Spiel des Jahres sitzt aktuell niemand, der im Osten aufgewachsen ist. Zu klein ist der Pool an Kritiker*innen aus dieser Region. Das hat historische Gründe. Die Geschichte des modernen Brettspiels in Deutschland ist im Wesentlichen eine westliche. Zwar gab es auch in der DDR Gesellschaftsspiele, aber die vom VEB Spielewerk in Chemnitz produzierten Titel konnten im Hinblick auf Ausstattung und Ideenreichtum nicht mit den Westprodukten mithalten (vgl. Rudolf Rühle: VEB Spiele – Umrisse einer Verlagsgeschichte der DDR, In: fachdienst spiel, 6/96). Diese wiederum wurden deshalb von findigen Bürger*innen kopiert.

Auch dass es Frauen schwerer haben als Männer, weil sie mehr strukturelle Hürden überwinden müssen, ist keine Neuheit.

Was die Analyse leistet, ist, diese Thesen mit weiteren Datenpunkten zu untermauern und anhand der Visualisierung das Ausmaß zu verdeutlichen.

Aktiv Strukturen zu verbessern, zum Beispiel durch Veranstaltungen an Orten, an denen es bislang wenig gibt, und Mentoringprogramme entsprechend auszurichten, dürfte für die Vielfalt des Brettspiels lohnend sein. Personen mit neuen Hintergründen bringen frischen Wind in die Szene und davon können wir alle nur profitieren.

Dies könnte dich auch interessieren

Kommentiere den Beitrag