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7 WONDERS DICE

Wunder gibt es immer wieder?

von Johannes

Über das Spiel

Überschrift 1

Mit 7 WONDERS erschuf ANTOINE BAUZA Ende der Nuller-Jahre ein Spiel, das heute mit Fug und Recht als Klassiker bezeichnet werden kann und sich auch 15 Jahre nach Erscheinen hoher Beliebtheit erfreut. Die Mischung aus Drafting und simultanem Spiel spielt sich unabhängig von der Gruppengröße flott und ist thematisch ansprechend. Folgerichtig erschienen mehrere Erweiterungen und Spiele im selben Universum. Davon, dass das Ganze nicht nur eine Cash-Cow sein sollte, zeugen die guten Bewertungen bei BGG und die vielen Preise, mit denen die Spiele geehrt wurden. 7 WONDERS DUEL (2015) gilt als eines der besten Spiele für zwei Personen. Mit 7 WONDERS: ARCHITECTS bekamen 2021 Familien ihre eigene gelungene Version, die ich gerne mit meinen Kindern gespielt habe.

Was ich abseits der Historie verdeutlichen möchte: 7 WONDERS geht in meiner Gedankenwelt mit dem Versprechen eines sehr gelungenen Spiels einher. Folglich freute ich mich zur SPIEL 2025 auch auf die obligatorische Roll & Write-Variante. Doch diese konnte nicht wirklich überzeugen. Warum, das liest du in den folgenden Zeilen.

Architektur des Spielwunders

In 7 WONDERS DICE werden die Karten erstmals vollständig durch Würfel ersetzt. Jede Runde besteht aus zwei Zügen. Zunächst werden die Würfel in einem Würfelteller für alle geschüttelt. Dieser enthält vier Quadranten. Je nachdem, in welchem der jeweilige Würfel liegt, für den ich mich im zweiten Schritt entscheide, kostet er unterschiedlich viel Geld. Das Auswählen erfolgt ohne Herausnehmen des Würfels. Wie beim großen Bruder 7 WONDERS geschehen, erfolgen alle Aktionen simultan. Eine Person würfelt also, und dann entscheiden sich alle für einen Würfel. Je nachdem, was geschüttelt wurde, wird das Ergebnis in einem der Bauwerke mit einem abwischbaren Stift auf dem eigenen Plan eingetragen.

Wie so oft sind auch bei dieser Version zum Bauen Ressourcen notwendig. Diese erhalte ich über die grauen Würfel. Es gibt sechs verschiedene Ressourcen; ich kann jede genau einmal sammeln. Welche das sind, ist aber zweitrangig. Das Eintragen der anderen Würfel kostet nämlich jeweils nur eine Anzahl an Ressourcen, die auch nicht wieder ausradiert werden. Fehlende Rohstoffe bezahle ich einfach mit Geld.

Die verschiedenen zu errichtenden Bauwerke sind nicht nur durch ihre Darstellung, sondern auch durch ihre Farben markiert, die den Würfeln entsprechen. Wähle ich zum Beispiel den grünen Würfel, dann markiere ich ein Feld im grünen Bereich. Dies gibt mir meist Punkte und/oder weitere Boni, die zu einer minimalen Engine führen. Etwa, wenn ich ab sofort gelbe Würfel günstiger bekomme oder Geld einnehme, wenn ich blaue Würfel nehme. Welche das im Detail sind, hängt von meinem Board ab, denn die sieben Tableaus sind leicht asymmetrisch. Mit dem grünen Gebäude kann ich zudem neue Würfel freischalten, die dann die grauen Ressourcenwürfel ersetzen und nur denjenigen zur Verfügung stehen, die bereits die Freischaltung haben.

Interaktion gibt es nur bei der Kriegsführung (rot), denn hier verringern die Schilde meiner Kontrahent*innen die Punkte, die ich für einen Angriff bekomme. Ist ein Bauwerk oder mein Weltwunder abgeschlossen, darf ich mir einen Bonus nehmen. Hat eine Person drei Boni erhalten, endet das Spiel.

Kein viertes Brettspielwunder

7 WONDERS DICE ist insgesamt ein flottes sehr stark heruntergebrochenes Spiel, in dem sich 7 WONDERS-Veteran*innen direkt zurechtfinden. Viele der Elemente, wie die unterschiedlichen Farblogiken, die Ressourcen und einige der Symbole aus 7 WONDERS haben Eingang in das Spiel gefunden. Auch die bekannte leichte Asymmetrie und die sieben Weltwunder der Antike tauchen natürlich auf. Und trotzdem fühlte ich mich bei diesem Titel nicht zu Hause. Ich weiß noch genau, dass ich es nach der ersten Partie eigentlich gar nicht mehr spielen wollte. Doch da war es zu spät: Ich hatte es bereits beim Verlag angefordert und gab ihm nicht zuletzt deshalb weitere Chancen.

Leider schafft es 7 WONDERS DICE nicht aus der Banalität seines Spielsystems hervorzutreten und interessante Entscheidungen zu befördern. Das hängt aus meiner Sicht auch daran, dass die Ressourcen keine eigenständige Funktion mehr haben, sondern lediglich abgezählt werden. Sie sind so beliebig (einsetzbar) wie der Rest des Spiels. Spätestens nach der zweiten Partie habe ich verstanden, dass ich nur drei oder vier benötige. Den Rest kann ich mit Geld kompensieren.

Bei 7 WONDERS war jede Karte eine Entscheidung gegen eine andere. Man spürte den Mangel. Hier wurde die Ökonomie so weit glattgebügelt, dass nichts übrig bleibt. Wenn Ressourcen nur noch Mengenwerte sind, die ich beliebig mit Geld ausgleichen kann, verliert das ‚Wunder‘ seinen Glanz. Es ist kein Aufbauen mehr, sondern ein reines Abstreichen. Während ARCHITECTS die Komplexität reduzierte, aber den Belohnungseffekt (das physische Bauen) verstärkte, reduziert DICE beides: den Anspruch und das haptische Vergnügen.

Bleibt das Puzzle – der Weg, den ich durch meinen Gebäudeplan nehme. Doch auch dieser ist vordefiniert. Es ist fast immer am sinnvollsten, in den ersten zwei bis drei Runden Ressourcen zu sammeln und dann zunächst mit dem grünen Würfel die Freischaltungen der Boni und neuen Würfel zu forcieren. Was dann kommt, welche Farben priorisiert werden, hängt von meinen Boni und den Würfelwürfen ab. Die Weltwunder kompensieren unbrauchbare Würfe. Der Rest ist ein bloßer Wettlauf.

Auch die sonst gut eingeflochtene Interaktion, den echten Wettkampf mit den Nachbar*innen, entfällt. Wenn der*die Nachbar*in nicht gerade Schilde hochzieht, die meinen Angriff verringern, ist es mir egal, was er oder sie macht.

So puzzle ich solitär und ohne Anspruch vor mich hin. Immerhin gelingt das auch in großer Runde, ohne dass das Spiel etwas verliert. Aber eben auch nicht gewinnt.

Materialseitig gefällt mir vor allem die Würfelschachtel. Die Kreidestifte lassen sich zwar abwischen, laden im Gegensatz zu Filzstiften aber auch zu starkem Aufdrücken ein, was Spuren hinterlässt. Von den Spieler*innenhilfen hätten es durchaus sieben Stück sein können. Die Regelerklärung ist mir nicht ausführlich genug. Zum Beispiel taucht die Definition eines Gebäudes, für das es beim Füllen einen Bonus gibt, nur im Aufbau auf (Hinweis: Ressourcen zählen nicht dazu, die Pyramide hingegen schon).

Da ich testen wollte, ob dieses Einsteiger*innen Roll-and-Write auch bei der Zielgruppe funktioniert, habe ich es zu meinem öffentlichen Spieletreff mitgenommen. Dort sitzen Neueinsteiger*innen ins Hobby neben Wenigspieler*innen. Hier zeigte sich dann das größte Dilemma: Die Gruppe war mit der Symbolik überfordert, hatte es schwer, einen Überblick zu behalten, und einige waren auch bis zum Ende der ersten Partie noch nicht drin. Dabei waren gleich zwei erfahrene Erklärer*innen vor Ort. Ich glaube nicht, dass diese 7 WONDERS DICE oder gar einen der größeren Brüder und Schwestern noch einmal spielen wollen.

Das größte Wunder für mich bei 7 WONDERS DICE ist deshalb: Für Veteranen ist das System zu banal, für Gelegenheitsspieler durch die abstrakte Symbolik jedoch erstaunlich sperrig. Wenn ein Spiel, das die Komplexität opfert, um zugänglich zu sein, dann doch zwei Erklärer*innen braucht, um die Gruppe durch die erste Partie zu manövrieren, hat das Design sein Ziel verfehlt.

Abschließende Bewertung

„7 WONDERS DICE verbindet das 7 WONDERS-Universum mit einer Roll & Write-Mechanik, in dem Karten durch Würfel ersetzt und alles vereinfacht wird. Dabei verliert das Spiel für mich aber seine Seele. Statt gemeinsam zu spielen, puzzle ich vor mich hin und folge lediglich dem Plan meines Tableaus. Selbst kreativ werden darf ich nicht. Ich persönlich bleibe künftig lieber bei den anderen Titeln der Reihe.“
Johannes
Brettspielminister

Transparenzhinweis

Für diese Rezension stand mir ein kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung, das mir ohne Auflagen vom Verlag übermittelt wurde. Für die stilistischen Überarbeitungsschritte sowie das Lektorat kamen nach der Erstellung der Rohfassung KI-Tools zum Einsatz. Die Rezension, ihre Argumentation und alle Bewertungen wurden eigenständig verfasst.

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