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Warum ich keine Lootbilder und Statistiken poste – mein Beitrag zu einer aktuellen Diskussion

von Johannes

Warum dieser Beitrag?

Schon während der SPIEL 25 hatte ich in einer Instagram-Story angekündigt, auch in diesem Jahr erneut keine sogenannten Loot-Bilder teilen zu wollen. Diese Praxis verfolge ich konsequent, seitdem ich als Content Creator aktiv bin, und orientiere mich dabei an anderen reflektierten Beispielen, etwa an MARTINA und BJÖRN (FUX & BÄR), die in ihrer Community darum gebeten haben, solche Bilder nicht zu posten [Änderung vom 07.11.2025 14:45: Hier stand vorher „verboten“, dies entspricht aber nicht der Formulierung aus der Gruppe.]. Auf meine Story erhielt ich zahlreiche Rückmeldungen von Personen, die sich durch Loot-Bilder unter Druck gesetzt fühlten. FREDERIK MALSY vom BOARDCAST griff das Thema am 28. Oktober ebenfalls auf und veröffentlichte bei Instagram einen Beitrag, der eine lebhafte Diskussion auslöste – mit viel Zustimmung, aber auch kritischen Gegenstimmen. Der Podcast THE BOARD GAME THEORY nahm diesen Diskussionsstrang zum Anlass, in einer, wie ich finde, hörenswerten und emotionalen Folge unterschiedliche Perspektiven zu Wort kommen zu lassen. Auch in der Brettspiel-Content-WhatsApp-Gruppe, die ich gemeinsam mit MARTINA betreue, wurde das Thema intensiv weitergeführt.

Trotz dieser Vielzahl an Gesprächen blieb für mich der Eindruck, dass bislang eine analytischere, wissenschaftlich gestützte Auseinandersetzung fehlt, und ich gab dem Drang nach, etwas zu schreiben.

Worum es in der Diskussion geht

Ebenso verlässlich wie vor der Messe die Top- und Vorfreudelisten erscheinen, tauchen danach die Loot-Bilder auf. Dieses Format erfreut sich insbesondere auf Social Media und YouTube großer Beliebtheit, da es die Neugier auf die Erwerbungen anderer bedient und entsprechende Reichweite generiert.

Ich selbst fremdele bereits mit dem Begriff Loot. Er stammt aus dem Computerspiel-Jargon und bezeichnet die Beute, die Gegner nach ihrer Niederlage hinterlassen. In seiner ursprünglichen Bedeutung verweist er also auf Aneignung durch Kampf oder Raub. Übertragen auf den Brettspielkontext, in dem Spiele käuflich erworben werden, wirkt dieser Begriff daher semantisch problematisch: Die Messehallen werden schließlich nicht geplündert – vielmehr stellen sich Menschen geduldig an, um ihre Spiele zu bezahlen. Diese sprachliche Verschiebung ist für sich genommen nicht gravierend, verweist aber auf eine Konsumrhetorik, die Besitz und Akkumulation implizit positiv auflädt.

Das eigentliche Problem, das viele an Loot-Bildern kritisieren, liegt tiefer. In der psychologischen Forschung finden sich zahlreiche Belege für die negativen Effekte übermäßiger Konsumdarstellungen auf das Selbstwertgefühl. Neben Neid, Stress und der Angst, etwas zu verpassen („Fear of Missing Out (FOMO)“), werden bis hin zur Auslösung von Depressionen Folgen diskutiert (Baker et al. 2016, Keles et al. 2019). Diese Effekte treten naturgemäß nicht bei allen Rezipient*innen gleichermaßen auf, sondern sind von individuellen Dispositionen abhängig. Während psychisch stabile Personen womöglich unbeeindruckt bleiben, sind insbesondere jüngere oder vulnerablere Gruppen anfälliger – und gerade diese halte ich für besonders schützenswert.

Wenn ich Inhalte auf Social Media veröffentliche, kann ich nie vollständig kontrollieren, wer sie sieht. Selbst bei einer klar definierten Zielgruppe bleibt das Publikum unüberschaubar. Das gilt ebenso für Podcasts und Blogs wie für alle anderen digitalen Plattformen.

Im Podcast von THE BOARD GAME THEORY wurde argumentiert, betroffene Personen sollten sich im Idealfall einfach von Social Media fernhalten. Dieser Gedanke mag theoretisch konsequent erscheinen, ist in der Praxis jedoch kaum realistisch. „In any case, recommending users to just ’stop comparing‘ on SM seems futile, given how deeply this experience is part of the human condition” (Meier, Johnson 2022).

Soziale Medien dienen längst nicht nur der Selbstdarstellung, sondern auch der Gemeinschaftspflege, der Informationsbeschaffung und – zuletzt – dem Eskapismus. Diese Funktionen können durchaus positive Effekte haben. Die permanente Konfrontation mit idealisierten Konsumrealitäten gehört jedoch nicht dazu.

Rezensionsexemplare: Arbeitsmaterial oder Geschenk?

Besonders problematisch wird es, wenn auf Loot-Bildern nicht nur selbst gekaufte, sondern auch Rezensionsexemplare zu sehen sind. Diese werden Verlagen an Medienschaffende ausgegeben, um Berichterstattung zu ermöglichen oder anzuregen. Empirisch kann vermutet werden, dass die Anzahl solcher Exemplare positiv mit der Reichweite des jeweiligen Kanals korreliert. Wenn Rezensionsexemplare Teil eines Loot-Stapels werden, verstärkt dies den Eindruck maßlosen Konsums.

Solche Missverständnisse hängen oft mit dem Selbstverständnis der Content Creator*innen zusammen. Kürzlich hörte ich etwa die Aussage, Rezensionsexemplare seien Geschenke – eine Sichtweise, die ich entschieden ablehne. Natürlich verbinden Verlage mit der Herausgabe solcher Exemplare Erwartungen, auch wenn keine formale Berichtspflicht besteht. In der Praxis gehört es zum professionellen Standard, über das Spiel zu berichten und den Verlagen entsprechende Beleglinks zukommen zu lassen. Wer das regelmäßig unterlässt, riskiert nachvollziehbarerweise, künftig keine Exemplare mehr zu erhalten.

Auch ich erhalte gelegentlich Spiele, über die ich am Ende nicht schreibe – allerdings hat dies dann immer Gründe. Für mich sind Rezensionsexemplare Arbeitsmaterialien, nicht Geschenke. Da die finanzielle Belastung durch meine journalistische Tätigkeit ohnehin hoch ist, sind solche Exemplare eine notwendige Entlastung. Ich frage sie gezielt an und behandle sie mit entsprechender Sorgfalt – nicht als Beute, sondern als berufliches Werkzeug.

Die Intention hinter dem Bild, Sendungsbewusstsein und Verantwortung der Sender

Ich unterstelle den meisten Content Creator*innen, dass sie mit dem Posten von Loot-Bildern keine negativen Absichten verfolgen. Im Gegenteil: Meist steht der Wunsch im Vordergrund, die eigene Freude zu teilen oder Community-Interaktion zu fördern. Doch Intention und Wirkung sind in der Medienkommunikation selten deckungsgleich. Eine gute Absicht garantiert keine positive Rezeption.

Ein einfaches Beispiel: Ich schreibe diesen Text ebenfalls mit guter Intention. Nämlich, um eine Diskussion zu bereichern und auf ein Problem aufmerksam zu machen. Dennoch könnte er als Kritik an Kolleg*innen verstanden werden, die Loot-Bilder posten. Das ist nicht meine Absicht, doch die Interpretation entzieht sich nach Veröffentlichung meiner Kontrolle.

Als Content Creator / Brettspieljournalist trage ich eine besondere Verantwortung für meine Veröffentlichungen. Ich erreiche über verschiedene Plattformen Tausende von Menschen. Daher prüfe ich vor jeder Veröffentlichung, wie ein Beitrag potenziell wirken könnte. Wenn die Möglichkeit besteht, dass ein Inhalt jemanden negativ beeinflusst, verzichte ich im Zweifel lieber auf den Post. Der bewusste Verzicht auf Reichweite oder Likes kann – auch für Creator – eine Form digitaler Hygiene sein.

Aus denselben Gründen verzichte ich übrigens auch auf das Posten von „Gespielt“-Statistiken. Mir ist bewusst, dass ich mich in einer privilegierten Situation befinde und deutlich mehr spiele als viele andere. Das sollte jedoch kein Maßstab sein. Entscheidend ist allein die Freude am Spiel – unabhängig davon, ob man einmal im Monat oder täglich spielt.

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16 Kommentare

Tommi 6. November 2025 - 15:50

Kann man so sehen. Aber dann posten wir auch nicht mehr, was wir letzten Monat gespielt haben. Fotos von Spielregalen, oder als Hintergrund von Profilbildern oder bei Youtube, sollten dann sein gelassen werden.

Ich persönlich mag Loot-Bilder. Sie triggern mich höchstens dahin, dass ich mir ein Spiel anschaue, welches auf vielen dieser Bilder zu sehen ist. Das scheint ja gut zu sein.

Antworten
Johannes 6. November 2025 - 15:53

Ich poste auch nicht, was ich letzten Monat gespielt habe (siehe letzter Absatz). Mir ist nur wichtig, dass das, was ich sende, und was möglicherweise daraus für ein Bild entsteht, reflektiert wird.

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Tommi 6. November 2025 - 17:43

Hm, und wer ist für das entstandene Bild verantwortlich? Der Sender oder der Empfänger?

Du schreibst: „Wenn die Möglichkeit besteht, dass ein Inhalt jemanden negativ beeinflusst, verzichte ich im Zweifel lieber auf den Post.“

Ok, mal abgesehen von Deinem Blog, der klasse Inhalte liefert, finde ich diese gespielte Poltiker-Nummer extrem anstrengend. Und? Ist das nun Dein oder mein Problem? Ich denke, das ist eher meines, denn das Konzept hier funktioniert prächtig. Vielleicht sind aber auch die echten Politiker schuld daran, weil deren Gehabe und Auftreten in mir inzwischen sehr negative Gefühle weckt.

So wird bei allem, was Du und ich oder andere im Netz posten, immer jemand zu finden sein, der dadurch negativ getriggert wird.

BTW finde ich es schade, von Dir keine Statistiken zu sehen, fände ich interessant.

Antworten
Johannes 7. November 2025 - 09:11

Ich kann dir gerne Statistiken schicken, wenn es dich interessiert. Ich teile die eben nur nicht öffentlich, weil ich für mich entschieden habe, dass 1) der Mehrwert sehr gering ist und 2) ich damit womöglich Menschen unter Druck setze. Wie im Artikel geschrieben, bin ich davon überzeugt, dass auch der Sender für das Bild mitverantwortlich ist. Es geht auch nicht darum, dass ich irgendwem etwas verbieten möchte. Es geht hier nur um unterschiedliche Perspektiven und dies ist meine.

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Nero 7. November 2025 - 11:02

Das ist doch hier Satire bzw nicht ernst gemeint, oder?

Falls es ernst gemeint ist:
Selten so einen Schwachsinn gelesen.

Man freut sich einfach mit den Leuten, für das was sie sich gegönnt haben.
Das ist doch was schönes.
Wo ist das Problem?
Richtig wenn da ein Problem ist, ist es bei demjenigen der das Bild sieht, nicht bei demjenigen der es gepostet hat.

Und sich an dem Begriff Loot zu stören, zeigt auch mal wieder wessen Geistes Kind der Autor ist.

Der Beitrag und auch dieser Blog nsgesamt zeigt was in der Brettspielszene falsch läuft.

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Johannes 7. November 2025 - 11:11

Danke für deinen sehr reflektierten Kommentar.

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Ulrich 11. November 2025 - 09:16

Dinge zu reflektieren, die andere nicht reflektieren wollen oder reflektiert haben wollen, erzeugt verlässlich Ablehnung.

Antworten
Olaf Musch 10. November 2025 - 20:27

Ich verstehe die Sichtweise. Zur konsequenten Umsetzung habe ich noch eine Frage: Wirst Du dann auch in Deinen Rezensionen auf Formulierungen wie „…sollte in keinem Regal fehlen“ oder „…klare Kaufempfehlung“ verzichten, um genau die von Dir erwähnten schützenswerten Gruppen auch nicht an dieser Stelle zu gefährden?

Antworten
Johannes 11. November 2025 - 07:35

Ich vermeide Formulierungen mit so klar werbendem Charakter ohnehin. Mir geht es um Kritiken, nicht um Kaufempfehlungen.

Antworten
Olaf Musch 12. November 2025 - 15:44

Zur Klarstellung: Diese von mir angeführten Formulierungen sind Zitate aus Deinen hier verfügbaren Rezensionen (ich habe einfach mal zufällig auf welche geklickt). Es mag sein, dass Du diese inzwischen nicht mehr in dieser Form verwendest.

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Johannes 12. November 2025 - 16:21

Da musste ich jetzt selbst länger suchen. Stimmt, das sind direkte Zitate von Ende 2023, Anfang 2024, als ich nur auf Instagram aktiv war. Seitdem hat sich bei mir inhaltlich und stilistisch einiges geändert. Ich würde das heute definitiv nicht mehr so schreiben – ein Teil meiner eigenen Entwicklung. Danke fürs Aufmerksam machen! 🙂

Antworten
GrinZ 26. November 2025 - 12:18

Hallo Johannes,

grundsätzlich mag ich deine Beiträge und dein Bestreben bereichernder Teil einer Interessengemeinschaft zu sein.
Deine Texte sind idR durchdacht und zumeist gut recherchiert. Leider stoße ich aber mit jedem neuen Beitrag zunehmend auf leserliche Probleme. Vermutlich bringt das diese unbedingte political correktness mit sich. Sematische Demontage von längst durch Bedeutungswandel ausgetauschten Begriffen wie „loot“ (kommt im übrigen nicht aus der Computer-Spiele Ecke sondern aus eher düsteren Kolonialzeiten) sind da nur ein Beispiel.
Schwierig für mich auch zunehmend, deiner generellen Wortwahl folgen zu können. Zahlreiche Begriffe muss ich zugegeben erst mal in Google übersetzen lassen.
Das impliziert mir, dass ich offensichtlich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre.
Immer mehr stellt sich mir die Frage, ob ich mich beim spielen wirklich mit allen Möglichkeiten und kleinteiligen Fallstricken beschäftigen möchte – nur aus Angst, meinem moralischen Kompass treu zu bleiben. Schade.
Vorgenannte Aussagen wecken in mir im übrigen negative Gefühle, da viele Hinweise ja durchaus berechtigt sind. Ein persönliches Paradoxon. Wenigstens ein Bereich in meinem Leben soll mit möglichst wenig Problemen behaftet sein. Wenn nicht das Spiel – was dann?

Gruß von deinem Montagsbengel
Markus 🙂

Antworten
Johannes 26. November 2025 - 14:38

Hallo Markus,

danke für dein Feedback. In dem Text stelle ich meine persönliche Perspektive dar. Ich erläutere, warum ich bestimmte Dinge nicht mache (Lootbilder posten). Das ist aber weder ein Handlungsleitfaden für andere noch eine explizite Aufforderung. Du kannst so Spaß mit dem Hobby haben, wie du es für richtig hältst. Da du nicht als Content Creator aktiv bist, gilt ein Großteil der geäußerten Kritik auch gar nicht für dich aus meiner Sicht.

Wo ich allerdings gar nicht mitgehen kann, ist die Einstufung von Brettspielen als „nur ein Hobby“, in dem man sich mit solchen Themen nicht beschäftigen muss. Das Private ist das Politische. In Brettspielen werden gesellschaftliche Strukturen reproduziert. Das Aufbrechen ist hier noch einfacher als anderswo. Für mich ist das Hobby eben kein reiner Eskapismus.

Viele Grüße
Johannes

Antworten
GrinZ 27. November 2025 - 14:51

Zuverlässig stellst du dich jeder Kritik. Das schätze ich sehr an dir.
Ob gesellschaftliche Probleme in Nischenprodukten wie Brettspielen nun lösbar sind… Immerhin ist ja nur ein enorm kleiner Teil der Gesellschaft in dieser Nische zu Hause. Zusätzlich beschäftigt sich ein noch kleinerer Teil überhaupt mit dieser Thematik. Nahezu homöopathische Schnittmengen.
Selbstverständlich befürworte ich ein Umdenken auch in diesem kleinen Bereich. Aber über Gebühr thematisieren – da nehme ich mir meinen kleinen Eskapismus raus – das brauche ich nicht.
Semantische Autopsie – dann ohne zeitliche Bewertung – ist auch allenthalben seltsam. Der Ausdruck „wie geil ist dass denn“ lässt sich auch in den Mühlen der Ursprungsbedeutung zerreiben. Manchmal muss man Menschen auch zugestehen, selbst erwachsen zu sein. Nicht vor allem muss jeder geschützt werden. In der Regel kommt genau dieser Anspruch auch zumeist von den schützenden. Selten von „Schützlingen“.
Am Beispiel Lootbild: ja oder nein? bzw deiner Haltung dazu entnehme ich, dass ich bitte keine Freude mehr öffentlich zur Schau stellen soll, weil ich einer anderen Person gegebenenfalls vor Augen halte, was deren finanzielle Stellung nicht hergibt.
Jetzt verstehe ich die Aussage von Nico Semsrott: „Freude ist nur ein Mangel an Informationen“

Antworten
Johannes 27. November 2025 - 14:55

Noch einmal: Es ist etwas grundlegend anderes, ob du als Konsument*in etwas postest, oder ob das ein*e Content Creator*in mit Reichweite tut. Ich gönne dir deine Freude durchaus. Wenn ich das aber mache, dann hat das möglicherweise andere Implikationen und für die möchte ich sensibilisieren.

Es gibt auch ein wenig Evidenz dafür, dass ich nicht ganz auf dem Holzweg bin. Außerhalb dieser Kommentare hier war die Resonanz sehr positiv.

Antworten
Arthur 28. November 2025 - 13:01

„Loot“ stammt aus dem Hindi lut, und Sanskrit loptram, lotram, und wurde durch die Plünderungen der Engländer in Indien (East India Company) ins Englische importiert.
Der Hintergrund des Wortes ist also noch weit düsterer als meist harmlose Beute in Videospielen.

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